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Die Straßen des Lasters

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

Die Straßen des Lasters.	21

durch diesen Laufverkehr vor ihren Türen empfindlichen Schaden erleiden!

Gewiß, es läßt sich viel entschuldigen, weil es sich eben nicht ändern läßt; weil es im Charakter der Großstadt liegt und von ihr nicht mehr zu trennen ist. Wir müssen uns das Ueberhandnehmen des Dirnentnms gefallen lassen, weil sich die „Gelehrten" über seine Bekämpfung nicht einig sind. Wir müssen uns auch gefallen lassen, daß unsere Restaurants uud Cafes von Prostituierten aller Schattierungen überschwemmt werden. Und da wir nun einmal gegen die „Liebetruths" machtlos sind, so müssen wir uns naturgemäß auch an die „Berger" gewöhnen. Eiu Uebel gebiert eben das andere. Logisch geschlossen ergibt sich beinahe ziffernmäßig die Notwendigkeit der Duldung aller Laster. In der Tat sind wir Großstädter denn auch schon reichlich abgebrüht. Nur manchmal regt sich noch der Ekel; nur manchmal noch raffen wir uns zu einem Hilfeschrei auf. Er verhallt meist im Winde, ohne daß sich das geringste ändert. Und doch wäre es so leicht, in vieler Beziehung Wandel zu schaffen. Eine Nachterscheinung sei hier nur herausgegriffen - wir wiesen schon oben darauf hin — die in ihrer Widerwärtigkeit einzig dasteht: die Kranzler-Ecke. Der Chronikenr eines bekannten Berliner Wochenblattes schrieb darüber vor einiger Zeit:

„Jeder Berliner ist ab und zu gezwungen, die Kranzler-Ecke bei Nacht zu passieren. Auch wird es zuweilen nicht möglich sein, verheiratete Frauen oder Töchter anständiger Familien davor zu bewahren. Schon die Passage der Friedrichstraße zu nachtschlafender Zeit ist nun wirklich kein Vergnügen. Jede anständige Frau muß sich hier gefallen lassen, von Dirnen bespöttelt zu werden, jeder Mann in ihrer Begleitung ist den gröb-
        
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