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Die Straßen des Lasters

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

20 Großstadt-Dokumente Bd. 30. Lebeweltnächte der Friedrichstadt. 
die besseren Kokotten der Ballsäle meiden es peinlich, 
zu Fuß durch die Friedrichstraße zu wandern, weil sie 
bösartigen Angriffen ihrer minder bemittelten Kolleginnen 
ohne Grund und Ursach' auf Schritt und Tritt ausgesetzt 
sind. Dieser Zustand ist einer Stadt, wie Berlin, nicht 
würdig, und es ist hohe Zeit, daß er beseitigt wird. 
Nur Razzias, von einer starken Polizeitruppe in Zivil 
ausgeführt und streng geheimgehalten, können da zum 
Ziele führen. Ein einziger Fischzug zwischen 12 und 
2 Uhr nachts würde Hunderte von gewohnheitsmäßigen 
Lustmädchen und -Knaben der Polizei ausliefern und ein 
Exempel statuieren, dessen Wirkungen noch lange nachher 
zu spüren wären. Es ist nicht wahr, wenn gesagt wird, 
daß dadurch manches Mädchen, das nur vorübergehend 
an verbotenen Früchten nascht, auf die Dauer dem Laster 
in die Arme getrieben würde. Wer die Friedrichstadt 
kennt, weiß, daß es immer dieselben Pflanzen sind und 
dieselben Kerle, die hier ihr Unwesen treiben. Lebe- 
matronen, die schon zwanzig Jahre gewohnheits- und 
gewerbsmäßig auf und ab wandern, und die jnnge 
Dirne, an der nichts mehr zu retten ist; daneben dos 
verkommene männliche Individuum, das in keinem Falle 
einen Schuß Pulver Wert ist, — das würde die Polizei 
hier finden und nichts anderes. Behördliches Mitleid 
mag anderen Stellen gegenüber angebracht sein; hier ist 
es mehr als eine Torheit, hier ist es ein Fehler, groß 
genug, allmählich dem anständigen Publikum unsere 
verkehrsreichsten Straßen zu verleiden. Was das aber für 
den Geschäftsverkehr bedeuten würde, liegt auf der Hand. 
Darum sollten sich der energischen Bewegung gegen diese 
Ausdehnung der Prostitution tut Zentrum der Friedrich - 
stobt besonders auch die Haus- und Ladenbesitzer der 
Friedrich- und Leipzigerstraße anschließen, die schon heute
	        
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