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Die Straßen des Lasters

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

18 Großstadt-Dokumente Bd. 30. Lebeweltnächte der Friedrichstadt.

Beamten; natürlich bedeutet hier Pfeifen nicht etwa das Hervorbringen	eines schrillen	Tones durch	die eigentümliche Stellung	zweier Finger	im	Munde.	Es ist viel-

mehr nur der in diesen Kreisen übliche Ausdruck für Signalisieren, und es ist eigentümlich, daß diese Zuhälter, schon ehe die	Beamten sich	der	Straße nahen, davon

Kunde haben,	daß sie kommen	werden.	Mit den Zu-

hältern im Bunde steht die Garde der Lustknaben, die speziell an der Ecke Linden bis zum Eingang in die Passage an der Behrenstraße ihr regelrechtes Standquartier hat, ein entmenschtes Lumpengesindel, dessen Unterbringung in Arbeitshäusern dringend erwünscht wäre. Jeder in der Friedrichstraße postierte Schutzmann kennt die Verhältnisse ganz genau; jeder Sitteubeamte, der auf Fang ausgeht, weiß, wie die Dinge liegen; trotzdem bleibt dieser Zustand, dieser haarsträubende Zustand im Herzen der Großstadt Berlin immer derselbe. Man folgt einem girrenden Pärchen, das ohne standesamtliche Absichten die Liebe im Herzen trägt, bis in das verschwiegenste Hotel und opfert die Stunden einer ganzen. Nacht, um sie dingfest zu machen. Man macht den Straßenverkäufern auf der Friedrichstraße, wenn sie einmal etwas lauter als gewöhnlich ihre Zeitungen ausrufen, die unglaublichsten Scherereien, schleift sie dutzendweise zum Polizeirevier und brummt ihnen empfindliche Strafen auf; aber man ist ohnmächtig gegenüber dem weiblichen und männlichen Gesindel der Friedrichstraße und sieht geduldig zu, wie sich das ekelste Laster breitmacht in der unverschämtesten und skandalösesten Weise. Lokale, in denen nichts passieren kann, die helles elektrisches Licht durchflutet, wo eine Schar dressierter Bediensteter jedes einzelne Weib beobachten, daß es auch ja nicht über den Strang schlägt, kontrolliert man aufs strengste. Hier aber, wo der gemeinste Handel mit
        
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