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Einst und heute. Retrospektive Betrachtung

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

Einst und heute.

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elektrischem Licht durchfluteten Orten znsammen: der Dandy, der ruhige Vormittage hat und den die Arbeit des nächsten Tages nicht stört; der Zuhälter im Frack — das sind nämlich die schlimmsten — der sein Täubcheu sucht; die Kokotte, die auf Raub ausgeht und des Nachts nun mal nicht schlafen kann, weil sie während des ganzen Tages schläft. U. s. f., u. s. f. Die Elemente, die sich früher schieden, sind heute auf die gleichen Räume zusammengedrängt. Das ergibt von selbst ein Sich-näher-kenuen-lernen, eine Vertraulichkeit, die der Franzose durch das Wort frere-coclion am Präzisesten zum Ansdrnck bringt. Mau hält int allgemeinen das Verschwinden der trennenden Schranke für einen spezifisch großstädtischen Zug; ob dieser Zug freilich sonderlich sympathisch ist, stehe dahin.

Im wesentlichen sind es die Fremden gewesen, die den braven Berliner so lange mit seiner Engherzigkeit gehänselt haben, bis er eines Tages alle Erwartungen in dieser Beziehung übertraf und weit über das Ziel hinausschoß. Diese letztere Tatsache ist durch sein ganzes Naturell erklärlich. Trotz der krampfhaftesten Versuche ist es ja beispielsweise auch nicht möglich gewesen, dem rheinischen Karneval in.Berlin eine Heimstätte zu schaffen. Die rheinische Fröhlichkeit „liegt" dem Norddeutschen nicht, und er ist nur allzuleicht geneigt, sie in eine Ungebundenheit hinüberspielen zu lassen, die eine gänzlich konträre Stimmung auslöst. So ist es mehr oder weniger mit allen Berliner Großstadtfreuden. Den Eingeborenen kommt es noch am wenigsten znm Bewußtsein, am klarsten erkennt es der Globetrotter, der „vieler Menschen Städte gesehen und Sitten erkannt" und dabei ein objektives Urteil über seine deutsche Heimat gewonnen hat.

Die Verhältnisse haben sich in den letzten dreißig Jahren, wie gesagt, beträchtlich verschoben. Die belächelte
        
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