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Einst und heute. Retrospektive Betrachtung

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

8 Großstadt-Dokumente 93b. 30. Lebeweltnächte der Friedrichstadt.

ber] Sinnlichkeit über die neue Generation gekommen wäre, wie er schon in den werdenden Weltstädten des Altertums in ähnlichen Phasen zu bemerken war. Man hielt es für notwendig, der Macht auch den Glanz zu paaren, gleichsam als ob man gefürchtet hätte, ohne Entfaltung solchen Glanzes auch die Macht wieder zu verlieren. Die paradoxe Weisheit Pierre Lonys', wie er sie im Vorwort seiner „Aphrodite" äußert, schien alle diese Köpfe zu beherrschen: „Es scheint, daß das Genie der Völker, wie dasjenige der Individuen, vor allem sinnlich ist. Alle Städte, welche die Welt beherrscht haben, Babylon, Alexandrien, Athen, Rom, Venedig. Paris, waren vermöge eines allgemeinen Gesetzes je ausschweifender desto mächtiger, gleichsam als wäre ihre Zügellosigkeit zu ihrem Glänze notwendig gewesen." Sie sahen nicht, daß immer und überall dieser höchsten Glanzentfaltung, dieser ausschweifenden Zügellosigkeit der Zusammeubruch und der Untergang unmittelbar gefolgt waren.

Genug, man suchte in der Glanzentfaltung Ehrgeiz und Ziel. Man wollte auch an der Spree haben, was man bisher nur an der Seine haben konnte, und schaffte sich mit allen Mitteln die Gelegenheit dazu. Nochlwaren die Kasten völlig getrennt. Der Hochadel, den die Sonne der Hofgunst beschien, belächelte die Parvenus, die kaum richtig zu essen gelernt hatten, als sie schon begannen, dem Spiele zu fröhueu und sich Maitressen zu halten. Man sah noch das Gemachte an allen Ecken, fühlte überall das Protzentnm heraus, das eine gewisse Gutmütigkeit unter schlechten Formen zu verbergen suchte und um so komischer wirkte, je ernsthafter es sich selbst vorkam. Trotzdem fühlte sich der Adel veranlaßt, auch seinerseits mehr Geld auszugeben und die Äußerlichkeiten schärfer in den Vordergrund zu drängen. Man wollte
        
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