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Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins? 57

leiche", „Viertel-Tonnenleiche", ja auch „Achtel-Tonnen-leiche" zufrieden. Vielfach wird dem Dahingeschiedenen zunächst ein stilles Glas geweiht, darauf singt man wohl auch ihm zu Ehren nach der Melodie des Lhopinschen Trauermarsches den Text: „Nun trinkt er keinen Rotspon mehr" und erzählt sich dann Geschichten von dem Verstorbenen, die gewöhnlich mit den Worten beginnen: „Wißt ihr noch damals?" Allmählich, wenn es lebhafter wird, ziehen sich die nächsten Angehörigen zurück, aber die guten Freunde und Bekannten bleiben noch lange zusammen, die Stimmung wird immer animierter und ausgelassener, bis schließlich sogar einer in den Ruf ausbricht: „Stoßt an, unser verstorbener Freund Karl August, er lebe hoch."

Nicht selten finden sich sogar in Berliner Testamenten letztwillige Verfügungen, in denen eine bestimmte Summe für das Leichenmahl festgesetzt ist; so hatte ein Rentier Z. in der Markgrafenstraße für sein Begräbnis genaueste Anordnungen getroffen; nachdem der Prediger, die Musik, Ehorgesang u. a. entsprechend bedacht waren, fand sich auch die Position: „Fell versaufen:* 150 M." Gin Herr P. in Schöneberg setzte 200 M. aus für die Getränke aller Teilnehmer und ein gemeinsames „Eisbeinessen" nach der Veerdigungszeremonie.

Noch zwei Beispiele mögen zeigen, mit welchem Geschick „Freund Alkohol" sich allen Ereignissen des Lebens anpaßt; in der Nähe der Standesämter finden sich Destillationen und Schankwirtschaften, welche nach stattgehabter Trauung das junge Ehepaar und die Trauzeugen aufnehmen und bewirten. Schon die Namen dieser Gasthäuser weisen darauf hin, daß sie ihren Kundenkreis fast ausschließlich unter den Eheleuten haben: „Zum jungen Ehe mann", „Zum häuslichen Frieden", „Lustiges Eheheim" usw. In diesen Kneipen wird viel Geld verdient, da die Leute gelegentlich einer Trauung immer etwas „drauf-gehen" lassen. Hier ist auch — so sonderbar es klingt — die Börse für passende Trauzeugen. Es gibt in der Welt-

* Diese Redensart soll davon herrühren, daß die Viehhändler, wenn sie ein Stück Rind verkauften, das Fell extra berechneten, um es nachher gemeinsam mit dem Käufer zu „vertrinken".
        
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