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Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

50 Großstadt-Dokumente Bd. 41. Die Gurgel Berlins

vor allem Blumen; auch Geflügel wird gezogen und mit besonderer Vorliebe Kaninchen, alles zum großen Jubel der Kinder. 3n gut 20 000—30 000 Einzelparzellen spielt sich über Sommer dieses überaus muntere Volkstreiben ab, ein schönes Stück Poesie im Gewirr der Großstadt für das arbeitende Volk, von ungleich höherem Werte freilich, wenn nicht auch hier wieder der Alkohol seine Hand int Spiele hätte.

Und das geht so zu. Um eine Laubenkolonie ins Leben zu rufen, pachtet zunächst ein Generalpächter mehrere Morgen Landes von ihrem Eigentümer, oft einer Terraingesellschaft. Er teilt dann das ganze in Parzellen von 10—30 Ruten für 100—200 Unterpächter ober Kolonisten. Während der Generalpächter gewöhnlich für die Rute 15—25 Pf. Pacht zahlt, erhält er von den Unterpächtern 40 Pf. bis 1 M. für die Rute, je nach der Güte des Bodens, der Entwicklung und Lage der Kolonie. Diese hat inzwischen einen recht hochtönenden oder drolligen Namen erhalten, wobei der Berliner Humor wieder zur vollen Geltung gekommen ist. Ich greife einige Beispiele heraus; da finden wir Laubenkolonien „zum fleißigen Kartoffelbauer", „zur großen Mohrrübe", „zum Riefenkohl", „zu den Laubenagrariern", „Sperlingslust", „krähenheim" und „Mückenstich", „zur Skatecke" und „Onkel Toms Hütte", „zum süßen Mariechen", „zum schlanken Emil" und „Heinsruh", „blaue Nase" und „Eismeer", „Roosevelt" und „Rübezahl", „Frühauf" und „Morgenrot", „Kamerun" und „klein Popo", „Samoa" und „kiautschou", „Transvaal" und „Südwestafrika", „Japan" und „Helgoland". Das ist nur eine kleine Auslese.

Sobald es die Witterung gestattet, legen nun die Kolonisten Wege und Beete an, ziehen die erforderlichen Zäune und zimmern die Laube. Die weit über Berlin hinaus populäre Redensart „fertig ist die Laube" hat von den Laubenkolonien ihren Ursprung genommen. Dann wird gesät und von Woche zu Woche sieht man mit Stolz und Freude die kleinen Felder blühen und reifen und die Früchte emsiger Arbeit tragen. Wird es wärmer, bann nächtigen sogar einige draußen, ja es ist vorgekommen, daß Frauen in der Laube entbunden haben.
        
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