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Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins? 47

Die Wirte mieten nur für die Zeit bis zur Fertigstellung des Baues. Wird ununterbrochen gearbeitet, vor allem nicht gestreikt, so verdient der Baubudiker viel Geld. Besonders in den Arbeitspausen von —9, 12—1 und 4—l/2 5, oft aber auch nach Feierabend sind diese Kneipen überfüllt. Friedrich Dernburg spricht sich in einem seiner vortrefflichen Sonntagsartikel im Berliner Tageblatt über diese Einrichtung einmal mit folgenden bitteren Worten aus:

„Wo ein bauendes Quartier ist, da sieht man die Budiker sich ansetzen, am Ende der Woche ziehen sie den besten Teil des Lohnes; wenn der Bau zu Ende ist, sind sie die eigentlichen Gewinner. Mit Sorgen sieht die Arbeiterfrau dem entgegen, was ihr Mann am Löhnungstage heimbringen wird. Gerade hier tut sich der viziöse Zirkel auf. Man rechtfertigt das Kneipenleben des Mannes mit der Frage, wo soll er seine freie Zeit zubringen, bei den kläglichen Wohnungsverhältnissen, in denen er regelmäßig steckt. Doch seine Wohnungsverhältnisse werden immer kläglich bleiben, wenn er das Geld in die Kneipe trägt, mit dem er sich eine bessere Wohnung leisten könnte. Die Haltung unserer Polizei und Verwaltungsorgane diesen Zuständen gegenüber kann ich wohl sehen. Denn unaufhörlich sehe ich in der Gegend, die ich bewohne, neue Wirtschaften eröffnet. Aber die Gründe dafür? Ist es Blindheit der Verwaltung gegen das Äbel, ist es Hilflosigkeit oder gar Begünstigung? Ich vermag es nicht zu entscheiden. Nur sehe ich in einem Lande, in welchem immer und von allen Seiten von sozialer Fürsorge die Rede ist, ein entschieden antisoziales Beginnen. Nimmt man dazu die Verteuerung der Eisenbahnen, die den Arbeiter im Gebiet der Kneipen zurückhält, so kommt einem das soziale Gerede wie eine bittere Ironie vor."

Ein besonderer Äbelstand ist noch, daß die Lieferanten, welche auf den Bauten etwas verkaufen wollen, die Handwerker hauptsächlich während der Pausen in den Kantinen aufsuchen, um sich „gut einzuführen". Beim Trinken wird das Geschäftliche erledigt und die Erfahrung hat dem Reisenden gezeigt, daß, je mehr er „spendiert", „zuprostet" und „springen läßt", um so leichter — ohne daß erst eine strenge Materialienprüfung stattfindet — die Bestellungen
        
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