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Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins? 39

für den Gastwirt in den meisten Fällen nichts weniger als günstig liegen; doch mögen die meisten Brauereien auf diese Geschäftspraxis nicht mehr verzichten, die ihnen ein großes und risikoloses Absatzgebiet eröffnet.

Selbst die Volks- und Gewerkschaftshäuser der sozial-demokratischen Arbeiterschaft befinden sich vielfach in solcher Abhängigkeit vorn Alkoholkapital. Ein Beispiel unter vielen führte kürzlich die Berliner Zeitschrift „Der abstinente Arbeiter" aus Gotha an. „Die Gothaer Arbeiterschaft muß ihr neu geschaffenes Gewerkschaftshaus freitrinken. Das Bild wird durch folgende Zahlen veranschaulicht. Die Arbeiterschaft verpflichtet sich, aus 18 Jahre pro Jahr 1500 hl Bier umzusetzen. Das macht pro Iahr 39000 M., in 18 Jahren 702000 M., d. h. jährlich pro Kopf 19,50 M., in 18 Jahren pro Mitglied 361 M. bei einer Zahl von 2000 organisierten Arbeitern. Mit diesem Opfer an Geld, Zeit und Gesundheit ist dann das Gewerkschaftshaus frei. — Wird der obige Konsum nicht erreicht, dann ist der Fehlbetrag draufzulegen. Die Gesamtkosten des Unternehmens betragen 120000 M, die Zinsen dazu 4200 M., das würde pro Kopf 2,10 M. ausmachen — also um eine Kopfsteuer von bar 2,10 M. zu ersparen, versäuft jeder 20 M." Nicht ganz so arg, immerhin aber auch noch bedenklich genug, liegen die Zustände in Berlin und Vororten. So muß im Charlottenburger Volkshaus der Ökonom 26000 M. an die Patzenhofer Brauerei entrichten. Um dies zu erzielen, schlägt die Brauerei auf jedes Liter Bier, das sie sonst mit 17 Pf. abgibt, 20 Pf. auf (aus 1 hl 20 M. „Tonnengeld"). Der Wirt zahlt demnach für das Liter, das er gewöhnlich mit 40 Pf. verkauft, anstatt 17 Pf. 37 Pf. Er muß also 13000 1 im Iahr absetzen, um mit 20 Pf. multipliziert die Miete von 26000 M. herauszu bekommen. Trinken die Arbeiter weniger, etwa nur 10000 1, so muß er selbst die Differenz von 6000 M. hinzufügen. Da gewöhnlich die erwünschte Höhe nicht erreicht wird, muß der verhältnismäßig viel größere Verdienst an den alkoholfreien Getränken, wie Kaffee, Setter, Limonaden herhalten, um den Alkoholkapitalisten zu befriedigen.

Als besonders erfolgreiches Unternehmen haben sich in Berlin die Stehbierhallen erwiesen: Lokale, in welchen es
        
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