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Was fließt im Jahr durch die Gurgel Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

32 Großstadt-Dokumente Bd. 41. Die Gurgel Berlins. 
in der Dorotheenstraße und das Gräbertsche Tanzlokal in 
der kleinen Waldemarstraße. Weiter waren berühmt „die 
lederne Flinte" in der Ierusalemerstraße 23, das Monnosche 
Lokal in der Grenadierstraße 33, der „Türkenkeller", Neue 
Promenade 3, der „Schmortopp", Mulacksgasse 3, der 
„Patzkopp", Linienstraße 35/36. Auch gab es in der König- 
straße eine elegant eingerichtete Destillation, genannt der 
„Silberladen". 
Besonders wohl suhlten sich die alten Berliner in dem 
schönen schattigen Garten von „Mutter Gräbert", die wohl 
die originellste Wirtin von Berlin war. An den Pfingst- 
seiertagen fanden bei ihr die berühmten Frühkonzerte statt, 
die noch heute als Berliner Sitte fortbestehen. Vor der 
Schenke stand der große Baum, in dessen Krone die Störche 
klapperten und um dessen „Stamm" der „Stammtisch" 
angebracht war. Mutter Gräbert, die einige Iahre vor 
ihrem Tode (1869) von König Wilhelm den Titel „Kom- 
missionsrätin" erhielt, stand stets hinter der Schenke, un¬ 
ermüdlich für das Wohl ihrer Gäste sorgend, was sie aber 
nicht hinderte, ihr berühmtes Sommertheater zu leiten. 
In welcher Weise dies geschah, zeigt sehr bezeichnend eine 
Anekdote, die kürzlich der Berliner Lokalanzeiger auffrischte 
Der Dichter Rose tritt zu Mutter Gräbert an den 
Schenktisch und es entspinnt sich folgendes Gespräch: 
Rose: „Darf ich mir erlauben, geehrte Frau Direktor, 
Ihnen mein neuestes Trauerspiel für Ihre geschätzte Bühne 
anzubieten?" 
Mutter Gräbert: „Na zeigen Sie mal her! (Das 
Manuskript in der Hand wiegend.) Fünf Akte! — Wie¬ 
viel Dote kommen denn drin vor?" 
Rose: „Drei, zu dienen, Frau Direktor." 
Mutter Gräbert: „Drei sind en bißken wenig vor fünf 
Akte — weit soll et denn kosten?" 
Rose: „Es wäre mir lieb, wenn ich dieses Mal auf 
Tantieme" — 
Mutter Gräbert (ihn schnell unterbrechend): „Ach so, 
Tankthieme, det is ja woll neu? Bei mir jiebt et 16 Dahler 
vor'n fünfaktiges Trauerspiel. Schütz kann's lesen, un 
wenn s jut is, können Sie sich morgen 's Ield holen — 
aber Tankthieme, uff so wat lasse ick mir nich in, das
        
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