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Wer hilft dem alkoholkranken Körper Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

Wer hilft dem alkoholkranken Körper Berlins? 131

wer sich dem Nachtleben ergibt, der so notwendigen Nachtruhe nicht teilhaftig werden kann. Es ist ein entschiedener Ubelstand, daß nach der Arbeit des Tages der Beginn so vieler Veranstaltungen immer weiter in die Nacht hinein-geschoben wird. Viele Vortrage, Sitzungen, Versammlungen beginnen erst gegen 9 Uhr abends und oft ist um 1 Uhr noch nicht die „Tagesordnung erschöpft; Privatgesellschaften, in denen die Gäste erst gegen 10 Uhr zusammenkommen, sind nichts Ungewöhnliches. Manche Aufführungen, beispielsweise die Kabaretts, fangen vor 11 Uhr überhaupt nicht an und die großen öffentlichen Bälle füllen sich erst gegen Mitternacht.

Wie ruhig floß das Leben des Berliners noch vor drei Generationen — in voreisenbahnlicher Zeit — im Verhältnis zu heute, damals einem sanften Bache, heute einem schäumenden Strome gleich. Damals galt die Fahrt mit dem Torwagen von Berlin nach Charlottenburg schon als eine kleine Reise, Heuer im Rechnungsjahre 1906/07 wurden allein auf den Stadt-Ring- und Vorortbahnen 136 Millionen Fahrten — in einem Jahr — zurückgelegt, damals war man mit seinem „Wochenblättchen" zufrieden, heute begnügt man sich kaum noch mit der Morgen- und Abendausgabe seiner Zeitung, damals war noch der Nachtwächter eine wichtige Person, der Nachtomnibus aber ein gänzlich unbekanntes Institut. Damals hatte aber auch noch nicht die Neurasthenie — die erhöhte Erregbarkeit und Erschopf-barkeit des Nervensystems — wie eine Seuche um sich gegriffen.

Mehr denn je bedürfen wir in solchen Zeitläuften einen gesunden Körper und Geist. Sonst besteht die Gefahr, daß wir uns der rasch fortschreitenden Kulturentwicklung nicht gewachsen zeigen. Nichts aber setzt unsere Widerstandsfähigkeit so sehr herab, schwächt Leib und Seele in so hohem Grade und beeinträchtigt schon im keime mit solcher Wahrscheinlichkeit den Wert zukünftiger Geschlechter wie der Alkohol.
        
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