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Wer hilft dem alkoholkranken Körper Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

Wer hilft dem alkoholkranken Körper Berlins? 99 
Ich war ca. 2 Monate in der Lharits. Als ich entlassen 
wurde, gab man mir den Rat, keinen Schnaps mehr zu trinken 
und hübsch mäßig zu sein. Gin oder zwei Glas Bier, so 
sagte der Arzt, der mich behandelt hatte, die könnten ja nichts 
schaden, aber nur nicht mehr und immer bedenken, wohin das 
Zuviel führt. — O was war das für ein Rat! Ein oder zwei 
Glas Bier, die waren mir sogar vom Arzt erlaubt, also wer 
kann es mir verdenken, daß ich gleich auf dem Heimweg von 
der Eharits von dieser Erlaubnis Gebrauch machte. Und als 
ich nach zweimonatiger Abstinenz dieses „kleine" Quantum 
getrunken hatte, da verlangten die Nerven nach mehr und 
waren mir ärztlicherseits schon 2 Gläser erlaubt, so konnten 
nach meiner Meinung 3, 4 und 6 auch nichts schaden, selbst 
wenn ein kleines Schnäpschen zur Abwechselung dazwischen 
getrunken wurde. Die Folgen blieben nicht aus und die, die 
daheim einen gesunden Menschen zurückerwarteten, mutzten 
einsehen, daß die Anstaltsbehandlung eine Heilung der Krank¬ 
heit nicht bewirkt. — Was letztere aber nicht vermocht hat, 
sollte wenige Monate später ein einfaches junges Mädchen, 
meine spätere Frau fertig bringen. Wir lernten uns kennen 
und ich war beschämt, als diese mich fragte, warum ich mich 
so häufig betränke. Sie hätte das von anderen Leuten gehört, 
mich hin und wieder auch in diesem Zustande gesehen und es 
täte ihr leid, daß so ein gebildeter Mensch sich so weit ver¬ 
gessen kann. Dieses wirkte! Ich protzte mit meiner angeb¬ 
lichen Charakterstärke und sagte, daß ich gar keine alkoholi¬ 
schen Getränke trinken brauchte, wenn ich nicht wollte. Das 
junge Mädchen nahm mich beim Wort und von Stund ab 
lebte ich abstinent. 
Leider bekam ich nach meiner Verheiratung noch einmal 
einen Rücksall und zwar hatten meine lieben Angehörigen 
daran insofern Schuld, als sie meinten, ein gesunder, kräftiger 
Mann könne am Hochzeitstage schon ein Fläschchen Wein ver¬ 
tragen. Ich fing damit wieder an zu trinken, aber dieser 
Zustand sollte nicht lange dauern. 
Die Guttempler waren durch Sie, Herr Doktor, auf mich 
aufmerksam gemacht worden und entrissen dem Alkohol das 
Opfer! Immer wieder und wieder kamen sie zu mir, immer 
mehr und mehr überzeugten sie mich von den Vorteilen der 
Abstinenz und der Schädlichkeit des Alkoholgenusses und 
eines schönen Tages ließ ich mich selbst in eine Loge auf¬ 
nehmen. 
Heute, nach 8 jähriger Zugehörigkeit liegt das elende, ver¬ 
nichtende Trinkerleben wie ein böser Traum hinter mir. Ich 
habe selbst viele unglückliche Opfer des Bechers hernach von 
dem sicheren Untergang gerettet und ich bedaure nur, daß ich 
nicht schon vor 20 Iahren abstinent lebte. Vielleicht hätte ich 
dann den einen oder den anderen meiner ehemaligen unglück¬ 
lichen Zech-Kumpane, die so jämmerlich endeten, einem besseren 
Leben entgegenführen können. S. 
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