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Wer hilft dem alkoholkranken Körper Berlins?

Full text: Die Gurgel Berlins / Hirschfeld, Magnus

98 Großstadt-Dokumente Bd. 41. Die Gurgel Berlins.

Laster, so fürchterlich betrübt waren, mochten nicht auf das Gläschen Wein zum Mittag, das Glas Bier zum Abendbrot meinetwegen verzichten. Und meine Freunde aus den kneipen ? Du lieber Gott, die litten ebenso wie ich, ja sie waren z. T. noch elender wie ich, denn sie hatten keine Angehörigen mehr, die sie in Zeiten größter Nor hätten aufrichten können.

Da war ein gewisser F., ein ehemaliger Forst-Assessor, von welchem sich die Angehörigen losgesagt hatten. Er verdiente sich sein Geld durch Klavierspielen in den Kneipen, die einzige seiner vielen Kenntnisse, die er als Trunkenbold verwerten konnte. Das wenige, was er verdiente, vertrank er, Essen und Trinken bekam er von den Gastwirten, und ein feines Nachtquartier in der Gaststube auf dem Sofa oder auf dem Billard erhielt er auch. Als ich schon längst abstinent war. hörte ich, daß er in der Anstalt Dalldorf verstorben und auf dem dortigen Kirchhof ohne Teilnahme irgend eines seiner Angehörigen beerdigt wäre.

Ein anderer meiner Zech-Kumpane war der Sohn emes bekannten, in der Finanzwelt angesehenen Handels-Redakteurs. Auch er war von seiner Familie verstoßen, zumal er als Trinker bei seinen Stammesgenossen — er war mosaisch — als weißer Rabe galt. Er war ein hübscher, großer Kerl, der in den Perioden, in welchen er nicht trank, viel auf sich und sein Äußeres hielt. Kam aber die Zeit der Krankheit, dann kannte er nichts als trinken. Ungewaschen, ungekämmt, mit schmutziger Wäsche und fleckigem Anzug ging er von Morgens bis Abends von einer Kneipe zur anderen, um schließlich, sinnlos betrunken, von einem guten Freunde Nachtquartier zu erhalten.

Das nötige Zechgeld erhielt dieser unglückliche Mensch von seinen nächsten Angehörigen, die froh waren, mit diesem ihn immer wieder aus einige Zeit los zu werden. In einem Zustand der sinnlosen Betrunkenheit starb er an einem Schlag-Anfall auf der Straße; sang- und klanglos wurde er eingescharrt und seine Familie atmete befreit auf, als sie von seinem Ableben hörte. Übrigens starb wenige Iahre später auch sein Vater an einem Leberleiden (Eirrhose), dessen Ursache das „mäßige" Tröpfchen, welches sich im Laufe der Iahre zu einem ansehnlichen Quantum angehäuft hatte, war.

Ich könnte Ihnen, Herr Doktor, eine ganze Anzahl von solchen unglücklichen Existenzen aus damaliger Zeit anfuhren, aber ich würde Sie ermüden, denn ähnliche „Fälle' sind Ihnen doch auch aus Ihrer Praxis bekannt. —

Was mich nun anbetrifft, so hatte die Trunksucht solche Fortschritte gemacht, daß, nach einem überstandenen Delirium tremens-Attfall, die Neue Eharite mir Heilung bringen ,ollte. Ich kam auf mehrere Monate nach dort. Vorn Tage meiner Einlieferung an erhielt ich keinen Tropfen Alkohol mehr — wenigstens offiziell — meine Schlaflosigkeit wurde mit Ehloral und Trional behandelt und kalte Abreibungen stärkten mein zerrüttetes Nervensystem wieder.
        
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