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3. In der Schule. Jugendlust und Jugendlehre. "Dienst". Politur und Erziehung. Sozialer und kultureller Aufstieg. Konflikte. Schulbriefe. Die Arbeiterfamilie. Eine pädagogisch arme Welt. Absperrung von der Natur. "Landpartien". Revisoren und Vorgesetzte. Die Fortbildungsschule.

Full text: Berliner Lehrer / Tews, Johannes

3. In der Schule.

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Ware. Gebürstet und gesonnt, wird aus ihm auch etwas, aber... In einem der Jungen entdeckte ich ein außergewöhnliches Zeichentalent. Er war imstande, jeder: Gegenstand, den er leidlich genau einmal gesehen hatte, vielleicht vor Jahren, mit wenigen Strichen an die Wandtafel zu werfen. Zu seiner Freude und zum Nutzen der andern durfte er den Unterricht oft „illustrieren". Ein anderer war ein vorzüglicher Sänger. Ich ließ ihn seine Kunst häufig ausüben, ohne daß gerade Gesang aus dem Stundenpläne stand. Die Eindrücke, die ich in dieser Klasse gewonnen habe, habe ich in keiner späteren vergessen können. Und fast immer ist es mir gelungen, die „Verlorenen" und „Aufgegebenen" zurechtzurücken. Ob auf die Dauer, das weiß ich nur von wenigen. Dazu ist die Verbindung zwischen Haus und Schule in der Millionenstadt zu locker. An Anerkennung hat es mir in meiner Lehrtätigkeit nicht gefehlt, aber von diesem Teil meiner Wirksamkeit hat niemand Notiz genommen. Ich habe darüber auch nicht „Buch geführt", auch den betreffenden Amtsstellen nicht „berichtet", aber öfter hätte es mir doch wohlgetan, wenn man diese Erfolge ebenso „gesehen" hätte als die andern. Aber daran fehlt's in unsern Schulkasernen und Bildungsfabriken, und damit geht das Beste verloren, was warmherzige und hoch-sinnige Menschen als Lehrer leisten.

So sieht die Berliner Volksschuljugend aus. Es ist eine „gemischte" Gesellschaft, in dem Gros von sorgsam erzogenen und leidlich gepflegten Kindern hungernde, sittlich gefährdete, körperlich schwächliche und kränkliche Kinder. Alle aber Stubenvögel, denen Licht, Luft und Sonnenschein mehr nottut als geistige Kost. Jeder Lehrer mit einem Herzen in der Brust weiß und fühlt das. Und das macht den Beruf so schwer, doppelt schwer, wenn die amtliche Kontrolle nur das unterrichtliche Roh-
        
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