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1. Berlin und seine Schulen. Das Schulhaus im Berliner Straßenbilde. Die Schule und das weltstädtische Leben.

Full text: Berliner Lehrer / Tews, Johannes

1. Berlin und seine Schulen. 9 
verschafft, und die anspruchsvolleren Geschäfte sind ihm 
noch heute verschlossen. Wir sind in dieser Beziehung 
schlimmer als die Chinesen. Das „Einjährige" macht 
die dümmsten Kerle geeignet, in einem alten Handels¬ 
hause Anstellung zu finden. Mit dem Abgangszeugnis 
der 250. oder 286. Gemeindeschule ausgerüstet, findet da¬ 
gegen der talentvollste Junge diese Türen fest verschlossen. 
Heiliger Dernburg! Du tatest gut, der Begeisterung für 
kaufmännische Größe und Vorurteilslosigkeit einen recht 
starken Dämpfer aufzusetzen. Die Krämerseelen sind in 
den Kontoren ebenso zahlreich wie die Zöpfe in den 
Bureaus. Wer für seinen Jungen und sein Mädel gut 
sorgen will, verschafft ihnen einen anständigen Schul- 
schein, und dann mögen sie so dumm sein, als sie wollen, 
wenn nur die nötige Dosis subalterner Bravheit noch 
hinzukommt und die „Familie", aus der sie stammen, noch 
„gut" ist, dann ist keine Not. 
Der Kamps ums Dasein ist schwer, in der Weltstadt 
schwerer als irgendwo. Wer will's den fürsorglichen 
Eltern verdenken, daß sie „aus Schule" halten? Aber 
damit ist auch das Verhältnis zwischen Schule und Haus, 
zwischen Eltern und Erziehern auf einen Ton herunter- 
gestimmt, in dem alles Sentimentale, Ideale und Inner¬ 
liche ausgelöscht ist, auf den Ton der poesielosen Nütz¬ 
lichkeit, und wenn der erhoffte Erfolg nicht eintritt, 
dann ist bitterböse Feindschaft zwischen hüben und drüben. 
Die moderne Gesellschaft verlangt Bildungsschuster, nicht 
Pädagogen. Pestalozzi würde in einer modernen Schule 
nicht vier Wochen geduldet werden. Das hindert die¬ 
selben Leute natürlich nicht, sich über „Schulpedanterie" 
und „Vergewaltigung der Kindesseele" weidlich zu ent¬ 
rüsten. 
„Es unterwinde sich nicht jedermann, Lehrer zu 
sein." Zwar predigt die pädagogische Gassenweisheit es
        
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