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14. Gegenwart

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

80 Großstadt-Dokumente Bd. 2. Die Berliner Bohsme. 
Fahrten auszog, hatte er den Sinn feines Berliner 
Zigeunerlebens in jenem Buche zusammengefaßt, das uns 
hier nicht als Dichtwerk (otifchon es auch rein ästhetische 
Qualitäten hat), sondern als Psychologisches Dokument 
interessiert. Die „Wüste" ist das Dokument eines 
Menschen, der mit zureichendem Grund Bohömien ist, 
aus einer tiefen, mitunter zuni leidenschaftlichen Haß ge¬ 
steigerten Feindschaft nämlich gegen die bestehende Ge¬ 
sellschaft und ihre Institutionen. 
Eine besonders weiche, liebebereite, gebewillige Seele 
das ist der Urgrund; — und geschlagen und getreten 
und in eine Wüste von Haß und Ekel hineingejagt — 
das ist der Fortgang; — und nun eine grenzenlose Ver¬ 
achtung alles Lebenden, eine Verzweiflung, die immer¬ 
fort in grelles Lachen umschlägt, Paroxysmen von Gram 
uud Wut, aus denen man sich in die Oasen des Alkohols 
flüchtet das i]t die Vollendung des Bohömiens 
nihilistischer Färbung, des Zigeuners aus Weltverzweif¬ 
lung. — Dies wird zum Grnudton, aber immer schwingt 
suchend, tastend der weiche Ton hoffender Sehnsucht, 
reiner Weltliebe wieder hinein und beide verschlingen 
sich: „Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt" — 
das ist die Grundweise des Zigeuuertums. 
Mühsam haßt die guten Bürger draußen, aber über 
die Wertlosigkeit seiner Zechgenossen, zu denen ihn die 
äußere Situation zwingt, ist er sich nicht minder uuklar 
— er zeichnet sie bissig genug: 
Paar urnische Männlein, paar lesbische Weiber, 
Paar Reimer, paar Zoter, paar Schnüffler, paar 
Schreiber, — 
Cafe, Cigaretten, Gefasel, Gegrein  
In summa: ein Literaturverein.
        
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