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14. Gegenwart

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

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sott vielleicht die Bedingung, der Preis für die Entwick-lung großer eigenartiger Talente ist, da ist die Boheme eine notwendige und berechtigte und wertvolle Erscheinung. Aber gibt es Wohl etwas kläglicheres als junge Leute, die vou Natur aus iit nichts gehindert wären, Schneider, Schuster oder sonst nützliche Steuerzahler zu sein, und die nur aus Eitelkeit, Bequemlichkeit den Bohömien spielen, die Mieue des Gesellschaftsfeindes, des Formenverächters nachäffen? Muß man erst sagen, daß solchen Jammergestalten gegenüber jeder brave Handwerker nicht nur die nützlichere, sondern auch die vornehmere, ästhetischere, weil innerlich wahrere Menschengattung vertritt? — Von solchen korrumpierenden Mitläufern ist ja keine Boheme ganz frei gewesen, auch die wertvollsten, die wir bisher betrachtet, nicht; gegenwärtig sind diese schalen Posenre aber, wenn nicht rein unter sich, so doch in beherrschender Mehrheit, und das macht die Sammel-stätten der heutigen „Bohöme", die genannten „Kabarets" und das große Generalqnartier der heutigen Zigeunerei das „Cafe des Westens" zu Aufenthaltsorten von mitunter sehr zweifelhafter Annehmlichkeit. Von irgend welchen: Schaffen, irgendwie ernst gerichtetem Streben ist unter diesen pumpenden und sumpfenden Leutchen hervorragend wenig zu spüren, desto mehr von Sensationslust, von Effekthascherei und einen hinsichtlich seiner Stützpunkte recht unergründlichen Ueberschwang des Selbstbewußtseins — „Cafs Größenwahn" hat der Volksmund die obengenannte Lokalität getauft. Indessen gebietet es die Gerechtigkeit, nicht unerwähnt zu lassen, daß auch aus diesem Hexenkessel seichter Verlogenheit ein paar Zigeunermenschen echter Art und besonderer Prägung auftauchen. Da ist Ernst Noscins von Rhyn, „das Roß", wie ihn in unzarter Bequemlichkeit die guten Bekannten zu nennen pflegen. Dieser Herr — einer der
        
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