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13. Das letzte Lustrum der Berliner Bohème ***, Neue Gemeinschaft. Die Kommenden. Ueberbrettl.

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

Das letzte Lustrum der Berliner Boheme. 69 
Der 1900 von den Harts begründeten „Neuen Ge¬ 
meinschaft" habe ich schon Erwähnung getan; in einem 
andern als unserm Zusammenhange ist sie gewiß viel ein¬ 
gehenderer Betrachtung Wert; hier genüge es festzustellen, 
daß dieser höchst idealistische Plan zur Begründung einer 
neuen Religionsgemeinschaft vor allem eben daran scheiterte, 
daß mcnt aus dem Widerstreit zwischen einer ernsthaft 
arbeitenden Sozialbildnng und einer bloßen Sammlung 
schöngeistiger Boh^miens nicht herauskam. Daß aber 
aus dieser starken Anregung nicht einmal eine einiger¬ 
maßen bleibende, bedeutsame Bohöme erwuchs, das zeigte 
deutlich, wie viel geringer Lebensreichtum, Kraftüberschuß, 
Jugendlust in der neuen Generation waren, als in der 
15—25 Jahre älteren. 
Dies ist denn auch wohl der Gruud, daß es der 
Klub der „Kommenden", der einige Jahre hindurch 
als eine Art Sammelpunkt der literarischen Bohüme im 
„Nollendors-Kasino", erst von Ludwig Jakobowsky und 
nach dessen Tode von Rudolf Steiuer präsidiert, tagte, 
zu keiner wirklichen Blüte gebracht hat. Wohl fehlte es 
ihm nicht ganz an originellen und wertvollen Persönlich¬ 
keiten; so tauchten hier z. B. unter den Frauen neben 
der peinlichenBerühmtheit„Dolorosa", dieser masochistischen 
Reklamegröße, einige starke, wahrhaft interessante Naturen 
aus: so die treue Freundin Peter Hilles, Else Lasker- 
Schneler mit ihrer wilden, oft bizarren und seltsam ge¬ 
reckten, immer aber ernsten nud innerlichen Pathetik; — 
so vor allem Margarete Beutler mit ihrer ganz un¬ 
gewöhnlichen, zukuuftreichen dichterischen Begabung uud 
einem aus wilder Lebenslust und weiblichem Zartsinn, 
ernster zielklarer Kraft und planloser heiterer Kindlichkeit 
so wundersam gemischten Temperament, daß man sie 
wohl als die blutechteste Zigeunerin ansprechen darf, die 
Berlin irnch Ducha Przybyszewsky gesehen hat. Der
	        
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