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11. Die neuromantische Bohème (Dehmel und Przybyszewsky)

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

Die neuromantische Boheme.	55

Wie das ständige Wirtshausleben (aus Mangel eines behaglicheren Heims und überhaupt der Lust am „Heim") den Trunk begünstigen, doch auch sehr innere Zusannnen-hänge zwischen dein Wesen des Alkoholismus und der Bohöme bestehen. Die Boheme, das ist vor allem die Flucht vor dem sozialen Zwange, der Wille, seiner Persönlichkeit nicht Schranken der Pflicht aufzuerlegen, trotz aller etwaigen materiellen Not nicht um Brot zu dienen, sondern nm jeden Preis, auch um den primitivster Lebensführung, die volle Freiheit des „Ich" zu behaupten — der Trunk aber, das ist die gewaltsame Steigerung des Ich, der Rausch befreit vou allen Abhängigkeitsgefühlen (Trunkene zeigen sich fast stets besinnungslos egoistisch) und nicht ohne Grund haben die Dichter den Wein immer als Freiheitsbringer, als Sorgenbrecher gefeiert. So wird der Rausch geradezu die vornehmste Waffe im antisozialen Freiheitskampfe des Bohömiens. In bizarrer, bitterer Art bringt das z. B. das Buch eines Berliner Boh6miens zutu Ausdruck, das unlängst erschien und aus das wir noch zurückkommen werden; die „Wüste" von Erich Mühsam: die Wüste ist das Lebeu an sich und als die „Oasen" werden geschildert: Destille und Caföhaus und Weinstube. Der - Alkohol ist dem Boh6mieu der Befreier des Individuums, bis er sich schließlich zum Herrn auswirft und unbarmherzig und gebietend — zuletzt zerstörend in sein Leben eingreift. Von den: Kreise, den Przybyszewskys wilde Dämouik beherrschte, hat mir jemand, der's wissen kann, versichert, das; nicht einer aus dieser Schar sei, der nicht einen psychophysischen Schaden, eine dauernde Ueber-reizung des Nervensystems aus dem wildphrnitastisthrn Trinkerleben jener Tage davon getragen habe.

Und es waren zum großen Teil hervorragende Menschen, Künstler ersten Ranges, die der polnische
        
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