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10. Bohème, Sozialdemokratie und Anarchismus ****

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

44 Großstadt-Dokumente Bd. 2. Die Berliner Bohöme.

eine Märtyrergloriole, die ihre Lehre besonders wirksam für junge Geniüter machen mußte. Dazn kam, daß Diele der jungen Literaten, die aus allen Provinzen Deutschlands in Berlin znsammenströmten, hier wirklich znm ersten Male der großen Not der Zeit ins Gesicht sahen und boii der traurigen Lebenslage des Proletariats, mit dem sie nun in Berührung kennen, aufs tiefste erschüttert wurden. So bildete denn auch gemeinsame politische Gesinnung, ein mehr oder minder sozialistisch gefärbter Revolutionismus ein starkes Band unter den Berliner Boh6miens von damals; neben den ästhetischen gehörten die ethisch-sozialen Debatten zum eisernen Bestand ihrer Zusammenkünfte, und man kann Wohl behaupten, daß fast alle Genossen des Hartschen und Friedrichshagenschen Kreises in einem etwas weiteren Sinne des Wortes „Socialdemokraten" waren. Eine kleinere Gruppe aber hatte sich besonders tief in die Bewegung eingelassen, sie gehörte recht eigentlich zur „Partei": da waren die Brüder Paul und Bernhard Kampfmeyer, da war Julius Türk, da war vor allem Bruno Wille und die ihm eng verbundenen Reichstagsvertreter der socialdemokratischen Partei Werner und Wildberger. Aus diesem Kreise ging dann auch der Plan zur Gründung der „Freien Volksbühne" hervor, durch die die Anregungen und Genüsse der neuen Kunst den breiten Schichten der Berliner Arbeiter zugeführt werden sollten. Aber eben dies Streben nach einer vielseitigeren Ausbildung der Geister, nach der Ausbreitung freierer mehr individueller Kultur unter den Massen führte bald zu einem Bruch in der Partei, der als der Kampf der „Alten" mit den „Jungen" bekannt geworden ist. Die Jungen, das waren die sozialistisch begeisterten Literaten der Berliner Boheme, Bruno Wille vor allem, und eine Zeit lang schien es, als ob er stärkeren und dauernden Erfolg haben sollte.
        
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