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9. Berliner Bohème um 1890

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

38 Großstadt-Dokumente Bd. 2. Die Berliner Bohöine. 
gehört, was primitiv absonderliche Lebensführmig anlangt; 
Holz selbst hat ihn so geschildert: 
„Unsere kleine Bude hing luftig wie ein Vogel- 
bauerchen «litten über einer wunderbaren Winterlandschaft. 
Von unseren Schreibtischen aus, vor denen wir dasaßen 
bis au die Nasen eingemummelt in große rote Woll¬ 
decken, konnten wir fern über ein verschneites Stück 
Heide weg, das von Krähen wimmelte, allabendlich die 
märchenfarbensten Sonnemmtergänge studieren; aber die 
Winde bliesen mts durch die schlecht verkitteten Fenster 
von allen Seiten an, und die Finger waren uns, trotz 
der 40 dicken Preßkohlen, die wir allmorgendlich in den 
Ofen schoben, oft so frostverklammt, daß wir gezwungen 
waren, unsere Arbeiten schon aus diesem Grunde zeit¬ 
weise einzustellen. Demi mitunter mußten wir sie auch 
noch aus ganz anderen Gründen quittieren. So z. B., 
wenn wir aus Berliu, wohin wir immer zu Mittag essen 
gingen — eine ganze Stünde lang, mitten durch Eis 
und Schnee, weil es dort „billiger" war — wieder gar 
zu hungrig in unser Vogelbanercheu zurückgekrocheu waren, 
wenn mrs ab und zu, um die Dämmerzeit, während 
draußen die Farben starben uud in all der Stille rings 
die Einsamkeit, in der wir lebten, plötzlich hörbar wurde, 
die Melancholie überfiel oder wenn, was freilich das 
allerbedenklichste war, uns einmal der „Toback" ans- 
ging." — 
Unter solchen Verhältnissen also brachten die Di¬ 
oskuren das erste echte naturalistische Meisterwerk, das 
Novelleubuch „Papa Hamlet" zur Welt. Kurz danach 
wurde im Herzen Berlins die „Freie Bühne" gegründet, 
die sich unter der Alleinherrschaft von Otto Brahm und 
Paul Schlenther, Schülern des Nationalisten Scherer 
und mehr klugen Literaten als künstlerisch tiefen Naturen, 
alsbald zur Hochburg des naturalistischen Dramas ent-
        
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