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8. Friedrichshagen

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

Friedrichshagen.

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8.

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Die Friedrichshagener Kolonie ist ein ganz eigenes Kapitel in der Geschichte der Bohöme. Denn die Bohöme ist ein Großstadtkind, erzeugt und geboren von diesen Zentren moderner Kultur, die alle Talente iu sich aufzusammeln trachten und ihnen hier so schnell, so vielfältig Lebensnahrung zuführen, daß kritische Erkenntnis und Neuschöpsuugswille weit schneller keimt und reift als eine soziale Möglichkeit ihnen innerhalb der Gesellschaft nachzuleben — und da eutsteheu die trotzig genialen Außenseiter, die Bohömiens. Die Großstadt züchtet und sammelt und verbindet sie — Boh6miens einzelne hat es immer gegeben, eine „Boheme" giebt es aber erst, seit es moderne Großstädte gibt?)

So, als ein rechtes Großstadtgeschöpf war auch der Hartsche Kreis, das Zigeunerlager iu der ersten Hälfte der achtziger Jahre entstanden. Da geschah etwas Merkwürdiges: in einigen seiner Mitglieder begann eine starke Natursehnsucht sich aufzulehnen gegen den Qualm und Lärm des Großstadtlebens, eine Sezession begann hinaus in die Märkische Heidelandschaft, zn Kiefernwald und See — da entstand die Vorortsbohöme in Friedrichs-

3) Das Wort „Bohöme" ist streng genommen zweideutig: hier ist es — „Gemeinschaft der Bohümiens" gebraucht. Im Sinne don „Lebensart des Bohömiens" ist die Boheme natürlich nicht an die großstadterzeugten Kultnrzigeuuergruppen gebunden, sondern tritt bei jedem Einzelnen und, wie schon gesagt, auch beim Landsknecht und beim Handwerksburschen, beim Räuber und Commis voyageur allenthalben in Erscheinuug.
        
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