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6. Die Brüder Hart

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

^6 Großstadt-Dokumente Bd. 2. Die Berliner Boheme.

in seiner Komödie „Das Lumpengesindel" ein Bild entwerfen wollen. Kundige haben die Aehnlichkeit dieses Bildes in vielen Beziehungen Gestritten; aber in seiner ersten, noch nicht nach Weisem dramaturgischem Rat theatralisch verballhornten Fassung strahlt dies Stück so viel heiteres und rührendes, in sich wahres Leben aus, daß trotz aller Abweichungen int einzelnen, vom Ton des Vorbildes ganz gewiß etwas eingefangen sein muß. Indessen sind wir nicht auf Wolzogeu, der jene Zustände in ihrer echtesten Fassung nur noch vom Hörensagen kannte, angewiesen; ein Augenzeuge, Wilhelm Bölsche, hat uns das Hartsche Heim ganz prächtig geschildert: „Lange Jahre hindurch, wenn man zu Harts kam, fand man in ihrem armen Heim immer und immer wieder die seltsamsten Gestalten. Stellenlose Schauspieler, die auf dem alten Sofa nächtigten, verkrachte Studenten, Bucklige, die sich nachts in einer alten Hose ringelten, in einem Bein geborgen und mit dem andern zugedeckt, neu zugereiste Halbpoeteu, die noch keine Wohnung hatten und auch kaum eine finden würden, literarifche Propheten, die vom Prophetentum nur die Heuschrecken und Kamelshaare besaßen. Das kam und ging, lebte hier Wochen und Monate wie zuhause, aß, was da war, und pumpte, was bar war. Und alles aufgenommen mit der gleichen unerschöpflichen Gutmütigkeit, alles hingenommen wie selbstverständlich, alles gefüttert und gepflegt durch Teilen des letzten eigenen Groschens. Mancher Redakteur, der in diesen Jahren gegen die Bruder wetterte wegen eines Vorschusses, der niemals abgearbeitet wurde, mancher Verleger, der ihnen grollte wegen Zahlung auf Versprechungen, die nie so gehalten wurden: er ahnte nicht, daß mit seinen Groschen ein Lisch gedeckt stand für die ganzen hungernden Alraünchen und Hutzelmännchen der Berliner Kunst."

Wie sehr die Brüder Hart damals als Orakel aller
        
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