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5. Zwischenzeit (1850-1880)

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

24 Großstadt-Dokumente Bd. 2. Die Berliner Boheme.

ja über das ganze geistige Leben der Zeit herein, die man heute meist recht falsch mit dem Schlagwort „Naturalismus" bezeichnet. Falsch, denn das naturalistische Dogma, die verhängnisvoll törichte Lehre, daß die Kunst lediglich die Bestimmung habe, Natur, möglichst genau und unverändert wieder Natur zu sein, trat erst verhältnismäßig spät in die Bewegung ein, erfunden von dem dogmenlüsternen Geist Arno Holzens und mit erschreckendem Erfolge propagiert von einigen mehr praktisch tüchtigen als geistig tiesdringenden Jüngern der rationalistisch beschränkten Schule des Philologen Scherer. — Was aber am Anfang der Bewegung stand, weis ihr Schwung und Kraft, Größe und Bedeutung gab, das war nicht eilte schiese ästhetische Lehre, das war der helle Enthusiasmus, die groß anbrausende Lebenskraft vollblütiger Naturen aus der inzwischen herangewachsenen Generation, die statt blasser, nachgeahmter Formen und seichter, tändelnder Inhalte das große angstvoll bewegte Leben der Zeit in neuer eigenwüchsiger Weise gestaltet sehen wollten. Nach Ernst und Tiefe, nach einer innerlichen Bewältigung der großen Probleme, die inzwischen Naturwissenschaft und Volkswirtschaft dein denkenden und handelnden Menschen gestellt hatten, rang man, und der Hauptsammelplatz dieser ringenden, gärenden, von höchster Lebenslust und größtem Lebensernst erfüllten Geister wurde Berlin. Und damit bekam Berlin mich wieder eine Bohöme.
        
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