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13. Das letzte Lustrum der Berliner Bohème ***, Neue Gemeinschaft. Die Kommenden. Ueberbrettl.

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

22 Großstadt-Dokumente Bd. 2. Die Berliner Boheme.

großes tragisches Grundverhältnis zum Leben, ein tiefere innere Gebundenheit an die wilden Kräfte der Natur, das war ihnen die Kunst nicht. Leute, iu deren Blut etwas davon rumorte, wie der geniale Ernst Dohm, blieben Ausnahmen, und wenn sie gar wirklich int Wesen und Gebahren echtes Zigeuuertum zeigten, wie der köstlich freche Otto von Fielitz, einst ein beliebter Komiker am Berliner Viktoriatheater, so sahen die Zechgenossen zu ihm schon mit dem ganzen halb respektvollen, halb verächtlichen Staunen des rechten Philisters aus. — Unter den Zechbrüdern bei Dressel, bei Siechen 2c. waren damals wohl mancherlei leichtgesinnte, vielleicht auch ab-souderlich geartete und espritvolle Lebemänner, wie der Theatermann Hugo Müller, der Musikus Conradi, der Professor Pernice — Bohomiens waren all das aber nicht; der empfundene und bewußte Gegensatz zur Gesellschaft, der revolutionäre Trieb des Heimatlosen fehlte diesen frohgelaunten Bürgern durchaus. —

So wird man sagen können, daß im historischen Sinne zwischen 1850 und 1880 eine Boheme in Berlin nicht existiert hat. Ganz gewiß haben in all der Zeit Universität und Kunstakademie, Theater und Literatur nicht aufgehört, ein Kontingent junger Leute von starkem Freiheitsdurst und rebellischen Anschauungen zu stellen, die sich in möglichst zwangloser Form zu bohömeartiger Lebensführung zusammenschlössen. In das Gesichtsfeld der Kulturgeschichte rückt solche Menschenschar als über-liefernngswürdige Boheme aber erst dann, wenn in ihr sich große Persönlichkeiten entfalten, deren Wirken über die Zigeunerwelt hinaus den großen Kreis der staatlich organisierten, der „geschichtemachenden" Menschheit ntit= ergreift.1)

*) Hier handelt es sich eben in erster Linie um eine Würdigung
        
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