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4. Die "Freien" bei Hippel

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

Die „Freien" bei Hippel. 19 
hochgradig unfeierlich und Wohl ostentativ formlos* — 
recht im oppositionellen Geiste der „Freien" sich zu¬ 
getragen hat, steht fest. Der amtierende Konsistorialrat 
soll in Stirners schwach aufgeräumter Stube die Trau¬ 
zeugen überaus leger, z. Tl. in Hemdsärmeln, angetroffen 
haben, und die int entscheidenden Augenblick mangelnden 
Ringe ersetzte Bruno Bauer kühl lächelnd durch die 
Messingreifen seiner Geldbörse. — Solch von souveräner 
Gleichgültigkeit gegen alle Formen der Gesellschaft zeugen¬ 
des Verhalten, solche mehr passive Verhöhnung der 
Bourgeoisie entspricht noch am besten dem Bilde, das 
wir uns von der mehr kontemplativen Natur Stirners 
machen müssen — der in seiner radikalen inneren Los¬ 
gelöstheit von jedem konventionellen Band gewiß ein 
ganz echter Genosse der freien Zigeuner war — wenn 
auch ein stiller. Alles Aktive, allen Ueberschwang los¬ 
gelassener Lebensfülle vollführte dieser 1 peinlich sensitive 
Philosoph im Gehirn, im Denken, er feierte Orgien in 
seinem Werke. — Von den übrigen Mitgliedern der 
„Freien" aber erzählte man tausend tolle Streiche, und 
wenn man auch ein gut Teil der Legendenbildung zu¬ 
schreiben kann, die bei den ängstlichen Berliner Bürgern 
über diese „Baude" iu Blüte stand, manch derbes Stück 
ist doch wahr. So jene ergötzlichen Szenen, wenn Hippel 
nicht mehr pumpen wollte und die Freien allen Ernstes 
mit dem Hut in der Hand „die Linden absechten" gingen, 
um beutebeladen zur Bowle zurückzukehren! — Aber 
über solche Tollheiten hinaus kommt diesem Kreise, den 
man je nachdem in aller Art Geselligkeit, bei stumpf¬ 
sinnigem Vergnügen an Tabak und Kartenspiel, wie bei 
ernster, leidenschaftlicher Diskussion über die höchsten 
Dinge, aber auch bei zügelloser Lustigkeit antreffen konnte, 
doch eine ernste Bedeutung zu: er war in jenen vor- 
märzlicheu Tagen ein Hegeherd aller freiheitlichen Ideen,
        
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