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2. Die Bohème der Romantiker (Hoffmann und Devrient)

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

Die Bohöme der Romantiker I.	11

tausend Zuschauern Preisgibt, bedarf einer ungewöhnlich naiven und ungewöhnlich starken Sinnlichkeit, um diese schamlose Hingabe zu ermöglichen, einer ungewöhnlich gewaltsamen, sprunghaften Nervosität, um sie vollführen zu können — beides Eigenschaften, die den Schauspieler auch als Privatmann in hundert Fällen aus dem abgemessenen Kreis bürgerlicher Lebensführung schleudern müssen. Und beide Eigenschaften besaß Devrient im höchsten Maße. Ein Zeitgenosse, der den großen Künstler ein wenig besser begriffen hatte, sagte von ihm:

„Devrient war wie jeder andere Mensch als Kind geboren; was aber nicht jedem Menschen zu arrivieren pflegt: er ist es bis zu seinem Tode geblieben."

Dieser Mann, mit der schlanken edlen Gestalt, den feinen blassen Zügen, den gewaltigen schwarzglühenden Augen, war ein Kind — von grenzenloser, oft gemiß-branchter Gutmütigkeit, hilfsbereit für alle mit allem — auch mit Geld, obwohl stets selbst in Schulden. Und dann wieder von unberechenbaren, wilden Zornanfällen heimgesucht, die ihn in fatalste Verwicklungen stürzten. — Ein Kind und doch oft genug in der höhnisch aggressiven Laune des in bittrer Erfahrung gereiften Gesellschaftsfeindes, von erschütterter Gesundheit und doch einem ungezügelten Gasthausleben, einer bedrohlichen Trinkleiden-schaft hingegeben — und dabei stets, in den absonderlichsten Trieben der Samte jedes Handeln mit der Sonne seines starken künstlerisch geadelten Menschentums übergoldend — so war der Intimus E. T. A. Hoffmanns, der mit seine,n Freunde das gemeinschaftliche Hauptquartier, die Weinstube von „Lütter und Wegner" am Gensdarmenmarkt, zu einer Berühmtheit machte. Anßer den beiden wies der dort versammelte Kreis kaum Mciimer von Bedeutung auf; aber sie allein vermochten so viel Witz und Geist über die Tafelrunde anszngießen, zeigten sich allnächtlich so unerschöpflich
        
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