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1. Vom Wesen der Bohème

Full text: Die Berliner Bohème / Bab, Julius

Vom Wesen der Bohöme.

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manenten Karnev alsstimmuug, in der süddeutschen Gemütlichkeit und Gutmütigkeit ihres geselligen Lebens dem phantastischen Bilde des Spießbürgers vom immer heiteren Schlaraffenland noch am nächsten. — Und daneben halte man nun ein Bild, wie es die entsprechenden Kreise von Paris gewähren: Auch hier bei den Studenten des Quartier latin und bei dem Künstler- und Literatenvolk das Montmartre eine Bohöme, die nicht nur allgemein bekannt, sondern im gewissen Sinne auch anerkannt (eben was ich vorher „legalisiert" nannte) ist. Aber wie anders weht der Geist der gewaltigen Welthauptstadt durch dies Volk. Hier, wo seit Jahrhunderten in allen Kämpfen europäischer Kultur entscheidende Schlachten geschlagen wurden, ist auch die lebensdnrstige Jugend dieser sozialen Eigenbrödler ganz anders ergriffen vom Kampf der Ideen und Konsessionen, der Parteien und der Klassen. Mitten in eine der größten Industriestädte der Neuzeit gestellt, am Sammelplatz politischer Flüchtlinge aller Art, atmet diese Bohöme den stürmischen Geist der Revolution aus, und neben dem hellen Bilde eines intensiveren Lebensgenusses hält] sie] der Gesellschaft oft genug den Schild dunkeldrohender Anklage, bittereil Hohnes, entschlossener Feindschaft entgegen. — Und noch anders ist das Bild, das die Bohöme in Berlin bietet. Die tüchtigen Bürger der Borusseuhauptstadt haben nie Verständnis oder gar Sympathie für so unordentliche und offenbar nnnütze Existenzen gehabt: jene stillschweigende Anerkennung im Empfinden der Mitbürger hat die Berliner Bohöme kanm je besessen. So war sie stets in einer kriegerisch-hämischen Stimmung gegenüber der Gesellschaft, in der sie lebte. Aber hier ans märkischem Boden gedieh auch selten jener freudige Elan, jener graziöse Cynismus, mit dem der Bewohner des Montmartre seinen Krieg gegen die Pfahlbürger
        
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