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Gerichtshumor

Full text: Berliner Gerichte / Hoeniger, Franz

Gerichtshumor. 
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der in Lassalles Hause freundschaftlich verkehrt hat und 
viel Gefälligkeiten daselbst fand. Durch einen Zufall 
wird dies Moment in die Verhandlung geworfen und 
auf die Frage des Vorsitzenden, ob der Herr Staats- 
anwalt mit Lassalle befreundet sei, antwortet der ängst¬ 
liche Beamte: „Befreundet nicht, nur bekannt," wor¬ 
aus Lassalle in die klassischen Worte ausbucht: „Cibos 
et vina perdidi.“ 
Von ganz anderer Art ist der Volkshumor. Er 
befaßt sich lediglich mit Personen aus dem Volke und 
knüpft dabei an bekannte Berliner Typen an. Ecken¬ 
steher Ncmte, der arbeitslose Aunne und andere Persön¬ 
lichkeiten geraten mit dem Gesetz in Konflikt, müssen vor 
Gericht erscheinen und bleiben, oftmals bestraft, in aller 
Not und Drangsal Sieger durch den goldenen Humor, 
mit dem sie die Verhandlung beherrschen. Szenen dieser 
Art sind tausendfältig beschrieben worden, die köstlichsten 
verdanken wir Adolf Glatzbrenner (27. März 1810 bis 
25. September 1876) in seinen verschiedenen Erzählungen, 
die das Berliner Volksleben behandeln. Leider hat heut¬ 
zutage diese Art Humor beinah gänzlich aufgehört; wie 
traurig es damit in Moabit steht, ist an anderer Stelle 
geschildert. Aber auch vor den Zivtlgerichten hat sich 
der Berliner Mutterwitz zurückgezogen. Auch das ist 
eine Folge der Entfremdung des Volkes von seinen 
Richtern, wie sie die weltstädtischen Verhältnisse mit sich 
gebracht haben. Das Volk Kennt seine Richter nicht 
mehr und findet auch Keinen Gefallen mehr daran, sie 
zu necken. Das überhastete Getriebe sticht zu grell von 
jeder Gemütlichkeit ab, um Raum für die Scherze eines 
Nante zu geben. 
Eine Zeitlang hatte sich der Witz auf die mit dem 
Gericht in lokaler Verbindung stehenden Orte, insbesondere 
aus die Restaurants, Frühstücksstuben, kaffeekeller usw.
        
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