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Gerichtshumor

Full text: Berliner Gerichte / Hoeniger, Franz

82 Großstadt-Dokumente Vd. 24. Berliner Gerichte. 
Kammergericht einnahm, zurückführen. Das Volk er¬ 
zählt, es sei ein Väuerlein mit seiner Klage zu Anrecht 
vom Kammergericht abgewiesen worden. Der Bauer 
habe sich in der Not an den König gewandt und dieser 
ihm voller Entrüstung eine drastische Genugtuung ver¬ 
sprochen. Beide hätten dann einen Plan verabredet, in 
Verfolg desselben der Bauer eines Tages auf dem Kammer¬ 
gericht erschien und den versammelten Räten zurief: „Sie 
könnten ihm sonst was tun," woraus er enteilte. Als die 
Räte nachstürzen, stoßen sie im Treppenflur auf den König. 
Mit einem feinen Lächeln fragt dieser, wohin denn die 
Jagd so eilig gehe, und als einer der Räte ihm wut¬ 
schnaubend berichtet: „Majestät, hier war soeben ein 
Bauer, der uns zurief, wir möchten ihm sonst was," er¬ 
widert der listig lächelnde König: „Nun, es braucht ja 
nicht gleich zu sein." 
Die Anekdote ist sehr unecht. Denn in der «Tot 
hatte das Kammergericht bekanntlich dem Müller Arnold 
in dem Karpfenteichprozeß mit Gersdorff absolut kein 
Anrecht zugefügt, und die Verfolgung der Kammergerichts- 
räte durch den großen König wird selbst von Stölzel 
als die „ungerechteste" Tat bezeichnet, die der Monarch 
sich je habe zuschulden kommen lassen (Brandenburg- 
Preußens Rechtsverwaltung II, 76). Aber sie ist sehr 
charakteristisch für die Stellung, die das Volk seinem 
großen Könige und Liebling als höchsten Herrn der Ge¬ 
rechtigkeit beimißt. 
In den Rahmen dieses Humors fallen auch die 
zahlreichen Anekdoten, die die Strafprozesse Lassalles wie 
mit einem Sagenkreis umsponnen haben. Eine der 
niedlichsten ist die folgende: 
Lassalle ist im März 1864 vor dem Berliner Staats- 
gerichtshof des Hochverrates angeklagt. Die Anklage 
wird unter anderen durch einen Staatsanwalt vertreten,
        
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