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Winkeladvokatur

Full text: Berliner Gerichte / Hoeniger, Franz

70 Großstadt-Dokumente Bd. 24. Berliner Gerichte.

Leidenschaften abzulegen und ein geordnetes und gesittetes bürgerliches Leben von neuem zu beginnen. Mir ist z. B. ein Amtsrichter bekannt, der infolge böser Spiel-und Frauenaffären aus dem Staatsdienst scheiden mutzte. Er ließ sich bald darauf in Berlin als Volksanwalt nieder, erwarb sich hier in kurzer Zeit durch seine Ge-schicklichkeit eine gewisse Klientel und führte nunmehr das ruhige und gesittete Leben des kleinen Bürgers. Derselbe Mensch, der, solange er vorher hoher staatlicher Beamter war, für durchaus minderwertig gelten mutzte, verdient gerade jetzt als Gestrandeter alle Achtung seiner Mitbürger, und so wird es mit vielen sein.

Freilich darf aber nicht verschwiegen werden, datz gerade die Winkeladvokatur eine Menge von Elementen birgt, die zu dem schlimmsten Raubgesindel der Weltstadt gehören, und deren Treiben um so verwerflicher ist, als sie sich dem Publikum als Berater und Helfer zur Verfügung stellen. Bemerkenswert ist dabei die häufige Verquickung von Winkeladvokatur und Schankwirt-schast, wie sie namentlich in dem jüngst zur Aburteilung gelangten Falle des Prozetzagenten Otto Stenzel hervortrat. Stenzel scheint direkt mit dem Restaurateur, in dessen Lokal er sein Tätigkeitsfeld aufgeschlagen hatte, Halbpart gemacht zu haben.

Wunderbarerweise sind es indes seltener einzelne Personen, die in dieser Weise aus die Ausbeutung des Publikums ausgehen dürfen und dabei andauernd Erfolg haben. Der einzelne imponiert nun einmal in der Weltstadt nicht. Auch läßt sich selbst hier sein Lebenswandel von den beteiligten Interessenten schon durch Nachfrage bei der Polizei, bei der Wirtin, int Stammlokal, beim Portier usw. immer noch einigermaßen kontrollieren, so datz der einzelne auf die Dauer seiner Klientel nicht allzu gefährlich werden kann. Dagegen
        
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