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Geselligkeit

Full text: Berliner Gerichte / Hoeniger, Franz

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zu verhandeln. Das unerfahrene Publikum gewinnt häufig aus den auf die Beobachtung der unumgänglichsten Formalien beschränkten Äußerungen des Gerichts und seiner Vertreter bei der Verhandlung die Überzeugung, daß seine Sache nicht gehörig wahrgenommen werde. Dadurch wird das Vertrauen erschüttert. Das ganze überhastete, fieberhafte Mesengetriebe vergröbert die Form und den Ton des Verkehrs zwischen Richtertisch und Publikum. Man kann es mitunter dem überlasteten und überhasteten Richter nicht verübeln, wenn er im Dränge der Geschäfte unwirsch wird, so sehr dies auch im Interesse des unschuldig Betroffenen bedauerlich sein mag. Andererseits fällt dies dem Publikum, welches seine Richter kaum noch dem Namen nach kennt, um so ärgerlicher auf und gibt zu um so gereizteren Konflikten Anlaß, als ein Mißton bei sonst bekannter, guter und vertrauter Lebensart. Hier liegt die Wurzel zu einem guten Teil derjenigen Mißverständnisse, die, wenn auch nur momentan, zu klagen und Tadeln gegen den Richterstand führen.

Die Möglichkeit, durch die Pflege geselliger Beziehungen, diese Mißstände der amtlichen Verhältnisse zwischen Richtern und Publikum auszugleichen, fehlt. Ist der Iuristenstand zerstreut, in sich uneins und zerrissen, so bildet er auch kein gesellschaftliches Ferment, welches weitere Kreise für sich zu interessieren und zu sich heranzuziehen vermöchte.

Die Weltstadt hat den Stand gesellschaftlich und sozial desorganisiert, und innerhalb der Desorganisation beginnt allmählich der einzelne des Ansehens und des Vertrauens verlustig zu gehen, welches ihm gebührt. Videant consules!
        
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