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Richterstand

Full text: Berliner Gerichte / Hoeniger, Franz

40 Großstadt-Dokumente Bd. 24. Berliner Gerichte.

Verhältnissen einigermaßen Rechnung zu tragen und dem Richter ein Einkommen zu gewähren, das ihn diesen Kreisen gegenüber nicht geradezu zum Proletarier herab-drückte. Wie steht es nun damit in Wirklichkeit? Hat der Richter nicht großes Privatvermögen, besitzt er — wie es wohl meist der Fall sein dürste — Familie, Kinder, die erzogen und ausgebildet werden müssen, so ist er nicht nur außerstande, auch nur auskömmlich zu leben, er ist Entbehrungen herber Art ausgesetzt. Das klingt übertrieben und ist doch so wahr. Nehmen wir den Fall, daß ein älterer Richter mit zwei Kindern an Gehalt und Wohnungsgeld zusammen 6000 Mark bezieht; das Privatvermögen gewähre noch einen Zinszuschuß von 600 Mark, so daß das Gesamteinkommen sich aus 6600 Mark belaufen möge. Selbst wenn diese Familie sich mit einer bescheidenen Garten-, in Wirklichkeit Hofwohnung von vier Zimmern im Westen genügen lassen will, wird sie dafür 1100 bis 1200 Mark aufwenden müssen. Rechnet man weiter 400 Mark für das leidige, in Berlin unvermeidliche Fahrgeld — es ist dies für vier Personen nicht viel — so bleiben: 6600 Mark minus 1200 und 400 Mark — 5000 Mark für Steuern, Haushalt, Kleidung, Schulgeld, Erziehung, Reisen und Erholung übrig. Für alle diese Dinge stehen mit anderen Worten der vierköpfigen Familie im Monat rund 425 Mark zur Verfügung. Wer das Leben in Berlin kennt, weiß, daß diese Familie, unter Entbehrung aller irgendwie kostspieligen Vergnügungen, nicht mehr die Lebenshaltung ihres Standes innezuhalten vermag. Die Theater, und namentlich die königlichen mit ihren 5 und 6 Mark-Plätzen, die Konzerte mit ihren 4 Mark-Villetts existieren für diesen Richter und seine Angehörigen nicht. Die teuren Mietsbüchereien mit ihren Vücherschätzen sind ihnen verschlossen. Vortrüge, Kunst-, Musikschulen sind
        
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