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Moabit

Full text: Berliner Gerichte / Hoeniger, Franz

12 Großstadt-Dokumente Bd. 24. Berliner Gerichte.

tionen. Es ist denn schließlich doch noch ein ander Ding, um Leben, Freiheit und Ehre zu kämpfen, als zu spielen, Sport zu treiben, oder zu flirten. Die Qual der Erwartung, die Pein des Kampfes, die gegenseitige Folterung durch Blicke, Flüstern, Kichern drückt diesen Gesichtern besondere Stempel aus. Es geht ein Rauschen und Raunen wie vor kommenden Ungewittern die Korridore entlang, bis die Klingel ertönt und der Aufruf der Sache für einen Augenblick die Spannung unterbricht.

Es war nicht immer so sensationell in Moabit. Es gab eine Zeit — lang ist sie her — als der Berliner Volkswitz hier seine Triumphe vor den Schöffenstühlen feiern durfte. Da amtierte noch der alte Amtsrichter, den das Bürgerliche Gesetzbuch so jäh zum Abschiede veranlaßt hat. Er kannte seine Berliner und ihr Idiom, er sprach die Sprache der Leute und fand auch als strafender Zeus den Weg zu ihren Herzen. Er war originell und populär, jedes Kind kannte und grüßte ihn in der Stadtgegend, und ein freudiges Gefühl mochte mitunter sein Herz be-schleichen, wenn er sah, wie treu ihm seine verlorenen Schafe anhingen. Da war ein alter Rat, der neben Privatklagen auch leichtere Strafsachen hatte und in den ersteren gern alles verglich, indem er Bußen an die Ferienkolonien zahlen ließ. Wenn dann die letzte Privatklage gütlich beigelegt war und die Strafsachen an die Reihe kamen, meinte wohl irgend ein Bierfahrer: „Ach, Herr Rat, ich möchte mir mit Ihnen auch vergleichen und 10 Mark für die Kinder zahlen." Oder es war ein anderer alter Herr, der die Berufungskammer leitete. Lange Sitzungen waren ihm ein Greuel, besonders verargte er es aber der Staatsanwaltschaft, wenn diese etwa durch Berufungen ihrerseits zur Verlängerung der Arbeitszeit beitrug. So rief er eines guten Tages einem eintretenden Verteidiger, wie er meinte, flüsternd, in Wahr-
        
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