Path:
Die soziale Lage der Künstler

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

Die soziale Lage der Künstler. 
89 
das trotzdem nicht, oder ist sie kein Animiergenie, also 
bringt sie's nicht fertig, so wird sie Knall und Fall entlassen. 
„Sie trinken nicht genug, Sie animieren zu wenig, Sie 
können in drei Tagen gehen." Anständige Mädchen 
leiden furchtbar unter diesen Verhältnissen, und man 
täusche sich nicht, es gibt auch in diesen Kreisen anstän¬ 
dige Mädchen. Kein Sachkenner wird dies leugnen. 
Im folgenden Kapitel werde ich auszuführen haben — 
sehr erfreulich! — daß dieser Typus des Varietes nun 
auch in Berlin mehr und mehr zu schwinden beginnt. 
Schwindet er ganz, so wird damit für die sittliche Hebung 
des Artistenstandes mehr geschehen sein, als mit hundert 
und aber hundert Resolutionen und schönen Redensarten. 
Auch der Kapellmeister — ein etwas euphemistischer 
Ausdruck, da nur größere Variät6s sich 'ne wirkliche 
Kapelle (zumeist die sogenannte „Pariser Besetzung") 
leisten — hat seine Reineinnahmen: er studiert jungen 
Künstlern und Künstlerinnen ihre Couplets ein. Durch¬ 
schnittlich nimmt er eine Mark für die Stunde. Das ist 
nicht viel, aber für die Künstlerin, die sie zahlen soll, doch 
immerhin empfindlich. Ein Trost für sie, daß das Geld 
wenigstens in der Gilde bleibt! 
Im übrigen sind die offiziellen Ausgaben der Sän¬ 
gerinnen nicht zu hoch anzusetzen. Es ist erstaunlich, 
mit welcher Ausdauer sie ihre Kostüme immer und 
immer wieder zu benutzen pflegen, wie sie sie zu wenden 
und zurechtzustutzen wissen, selbst dann, wenn man 
ihnen das Greisenalter aus hundert Schritt Entfernung 
sofort anmerken Kernn. Gut, sie zahlen für ein Kostüm 
ihre 80, vielleicht auch 100, 150 Mark, aber was will 
das sagen, wenn es dann Jahre hindurch seinen Dienst 
tut. Zwei bis drei Kostüme mutz die Sängerin ja aller¬ 
dings haben. In Varietes, die nur einen kleinen Etat 
haben, mutz sie dreimal auftreten, und es wird gewünscht,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.