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Die soziale Lage der Künstler

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

88 Großstadt-Dokum. Bd. 22. Variete u. Tingeltangel in Berlin.

ein Loch. Zwar versichern sie jedem Besucher sehr naiv, sie hätten gerade heute noch kein einziges Glas gestiftet bekommen, versichern es ihm so lange, bis er voll Mitleid ihrem Wunsche Gewährung nickt. Tut er's nicht rasch genug, so machen sie sich nichtsdestoweniger kurz entschlossen auf den Weg: „Also ich hol' mir ein Bier, nicht wahr?" Und schon verschwinden sie, und wenn man nicht unter der Gefahr, öffentliches Aufsehen zu erregen, ein lautes „Nein" hinter der Unverschämten her erschallen läßt, ist man rettungslos verloren.

Das Animieren ist heute von der Polizei verboten. Es geschieht hinter dem Rücken der gestrengen Herren. Die Kellnerin darf nicht mehr mit dem Gast an einem Tisch sitzen, und große Plakate verkünden, sogar in den schlimmsten kellnerinnenvarietes, daß das Animieren streng geahndet wird. Nichtsdestoweniger blüht das Geschäft aufs üppigste. Ob die Kellnerin dem Gast aus dem Schoße sitzt, oder stramm und verführerisch neben ihm steht, den Arm um seinen Nacken geschlungen, animiert wird nun einmal. Und seit der Reichstag sich auf Seite der Mädchen gestellt hat, ist ihnen der Kamm noch mehr geschwollen.

Wozu das in dem Kapitel, das von der sozialen Stellung der Künstler handeln soll? Einfach aus dem Grund, weil die Künstlerin in der Mehrzahl der Kellnerinnen-lokale der Kellnerin direkt gleichgestellt ist. Auch die Künstlerin hat die Pflicht zu animieren. Die gewöhnlichere Menschensorte fällt der Kellnerin zu, die besseren Besucher der Künstlerin. Es gibt Lokale, wo die Künstlerinnen auf diese Weise bis zu 70 Mark Prozente bekommen (monatlich). Natürlich ist ihre Bezahlung dann im übrigen eine recht schlechte, denn der Besitzer hat begreiflicherweise den Wunsch, durch Herabsetzung der Gage die Künstlerin zu zwingen, aus diese Einnahmen zu fahnden. Tut sie

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