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Die soziale Lage der Künstler

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

Die soziale Lage der Künstler.	87

sagen? Also muß ich mir wohl oder übel doch ’nert Notgroschen für meine alten Tage zurücklegen."

Und ich dachte daran, wie früh diese alten Tage bei den Angehörigen ihres Berufes sich einzustellen pflegen.

Sind in Berlin die Honorare durchschnittlich geringer als in der Provinz, so hat die Künstlerin andererseits in Berlin oft nicht unwesentliche Nebeneinnahmen. Hier habe ich ein dunkles Gebiet zu streifen. Während in der Provinz das Variete stets Kellnerbedienung ausweist, hat sich tu Berlin eine eigene Spezies gebildet, die, kurz gesagt, eine Vereinigung von Variete und Weiberkneipe darstellen soll. Diese (Entwicklung läßt sich aus den wirtschaftlichen Verhältnissen leicht erklären. Der Vari6t6-besitzer, der sich der Konkurrenz wegen entschlossen hat, kein Entree zu fordern, hat es nicht immer leicht, auf seine Kosten zu kommen. Er muß schon, wie dies in den vielbesuchten Volksvärietes der Fall ist, über ein recht großes mit) getreues Stammpublikum verfügen, um sich wirklich mit Anstand halten zu. können. Tut er das nicht, so kann der Bierkonsum seiner Gäste unter Normalen Umständen nicht die genügende Unterlage für seine Existenz bilden. So kommt er auf die Idee, seine Gäste systematisch zum Biertrinken anzuhalten und zu zwingen, über ihre Bedürfnisse hinaus zu konsumieren. Zwangsmittel ist das Weib, zunächst die Kellnerin: die Kellnerin, die natürlich ohne Gehalt angestellt und lediglich auf die Trinkgelder und Prozente angewiesen ist. Ihre Aufgabe besteht im Animieren. Ein harmloser Besucher, der sich mit einem Glase Bier an und für sich begnügen würde, wird von ihr so geschickt beim Wickel genommen, daß er seine Zeche auf mindestens sechs bis sieben hinaufschraubt. Davon hat er vielleicht zwei zu sich genommen, die übrigen vier, fünf sind der Kellnerin gespendet. Diese Kellnerinnen saufen buchstäblich wie
        
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