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In der Variétéschule

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

76 Großstadt-Dokum. Bd. 22. Variete u. Tingeltangel in Berlin.

aus Leipzig ist —" wendet er sich in schönstem Sächsisch erklärend an mich. „Die stammen natürlich nicht daher, die sind mit Spreewasser getauft, aber sie heißen einmal so, und es würde mir Spatz machen. Aber wollt' ich jetzt noch zurücktreten, so müßt' ich ja kontraktbrüchig werden, und das kann ich ja wohl nicht?"

Der ziemlich kugelrunde Kapellmeister strafft sich in die Höhe. „Kontraktbrüchig? Nein, das dürfen Sie freilich nicht. Kontraktbrüchig wird man nicht." Dann aber ist der Ernst verschwunden, und er sucht den Enttäuschten mit freundlichem Scherz zu trösten. „Unsereiner hat auch seine Enttäuschungen," meint er. „Wenn man mal so'n recht gutes Louplet hat, denken Sie, da gibt der Verleger was dafür? Prost Mahlzeit! In der Regel ist es so: zuerst gibt er nischt, und nachher, wenn's ansängt zu ziehen, da gibt er nochmal nischt, das macht zusammen nicht viel. Ich habe am liebsten gar nichts mit den Verlegern zu tun. Gebe meine Sachen als Originale weg. Ist viel gescheiter."

Ich erkundige mich danach, was er schreibt. „Anch Politisches? Soziales?"

„Selten. Rentiert sich nicht. Veraltet zu schnell. Heute wird's gesungen, hat einen donnernden Applaus, und morgen ist's vorbei. So'n richtiger Schlager, der muß sein Jahrzehnt aushalten."

„Aber meinen Sie nicht, daß das Variete dem Volk gerade Soziales, aktuell Soziales bieten sollte?"

„3ch sage Ihnen ja, rentiert sich nicht. Es gibt das ja auch, aber selten."

Der Schutzmann scheint schwere Arbeit zu haben, ich habe größere Eile als er. Ich gehe mit dem Versprechen, mich demnächst zu einer Unterrichtsstunde einbinden.
        
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