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Das internationale Variété

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

58 Großstadt-Dokum. Bd. 22. Variete u. Tingeltangel in Berlin. 
vergleichen wir französische Leichtigkeit, Leichtfertigkeit 
mit der oft geschmähten und ebenso oft und mit gleichem 
Recht gelobten deutschen Schwerfälligkeit — wieder ge¬ 
wichtige ^enlperamentsunterschiede, die sich naturgemäß 
auch im Vari6t6, das man seinem ttefsten Wesen nach 
beinahe als einen ins Künstlerische gewendeten Tem- 
peramentsausbruch, Temperamentserguß charakterisieren 
Könnte, abspiegeln müssen. 
Kein Zweifel: Ursprünglich spielen die nationalen 
Töne im Variete eine entscheidende Rolle. Unser Berliner 
Tingeltangel, unser Spezialitätentheater in all seinen viel¬ 
fachen Abstufungen und Schattierungen ist ebensogut 
eine spezifisch deutsche Erscheinung wie das Pariser 
Eabaret eine französische. In Italien hörte ich im Variete 
unter begeisterter Spannung der Zuhörer einen „pro- 
fessore“ recht und schlecht, aber sehr pathetisch Klavier¬ 
musik vortragen, die hier an gleicher Stelle keinen Hund 
vom Ofen gelockt haben würde. Und über den Ernst 
norwegischer Variotevorstellungen gab es jüngst in 
deutschen Blättern eine sehr nette Schilderung zu lesen. 
Ein Herr Egon Westberg erzählte da von seinem Besuch 
im Drontheimer Spezialitätentheater. Zuerst kam der 
Trauermarsch von Beethoven; darauf ein Requiem von 
Grieg. „Dann trat ein ältlicher, magerer, befrackter Herr, 
mit einem kummervollen Gesicht, der wie ein Leichen- 
kutscher aussah, aus die Bühne und rezitierte ein Gedicht, 
in dem die vier I'ahreszeiten mit den Lebensaltern der 
Menschen verglichen wurden. Besonders lange verweilte 
der Vortragende bei Herbst und Winter, wobei er sich 
ausführlich über das allmähliche Absterben der Natur 
und des Menschen verbreitete. Der Vortrag, auch das 
Gedicht waren gar nicht übel, aber so traurig — so 
furchtbar traurig, daß es sich mir wie ein Druck auf 
die Seele legte." Das ist erst der Anfang.
        
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