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Das Vorstadtvariété Nach der Vorstellung

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

36 Großstadt-Dokum. Bd. 22. Varietö u. Tingeltangel in Berlin.

freie Fahrt bewilligen. Prost Mahlzeit! Jetzt kann ich sechs Tage feiern und am siebenten dürfen wir für ganze 15 Mark arbeiten. Nette Geschichte das!"

Die Verweigerung der rein menschlichen Achtung seitens des Publikums ist ein weiterer Fluch, unter dem der VarMekünstler steht. Die komikergattin erzählte, wie einmal in Spandau in dem Hause, in dem sie wohnte, ein Brand ausbrach in der Nacht. Im Nachtgewand stand sie damals auf der Straße und kein Mensch wollte sich dazu hergeben, die Puppenspielern in diesem Aufzuge in seine vier Wände einzulassen. Erst die Polizei sorgte für sie, und bis das geschah, verging eine ganze Stunde. „Ich hatte 'ne schöne Stimme früher," fuhr sie fort, „in der Nacht ist sie flöten gegangen."

Die Geschichte des Spandauer Brandes löste alle Zungen. Eine Historie nach der andern wurde uns aufgetischt, teils waren sie interessant, teils herzlich unbedeutend. Die Liedersängerin berichtete, daß ihr stets, wenn sie ein bestimmtes Lied sang (erinnere ich mich recht, waren es die weidlich bekannten „Duftenden Re-seden"), ein Unglück passierte. Ein paarmal gab's 'nen Bühnenbrand. Ein andermal hatte sich ein Bär der schützenden Obhut seines Dresseurs entzogen und torkelte über die Bühne, an deren vorderen Rampe sie nichts-ahnend die „Duftenden Neseden" schmetterte. In Dortmund endlich liefe sie ihr Gedächtnis plötzlich im Stich, sie konnte sich an die zweite Zeile beim besten Willen nicht erinnern und mutzte, nachdem sie die erste ein paarmal wiederholt hatte, hinter den Kulissen verschwinden. „Es war nicht so schlimm, die Dortmunder kennen mich gut und schätzen mich sehr, aber peinlich bleibt es doch, und die .Duftenden NefedetV habe ich jetzt von meinem Nepertoir gestrichen." Ein Puppenspieler ohne Aberglauben ist wohl geradezu ein Nonsens.
        
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