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Das Vorstadtvariété Hinter den Kulissen

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

Das Vorstadtvariäts.	29

fast typisch ist, und strahlte dabei eine gewisse Hoheit aus, die sie aus diesem Kreis herauszuheben und ihr den Nimbus der Unnahbarkeit zu verleihen schien.

Noch eine zweite neue Erscheinung: die Zahnkünstlerin. Natürlich nicht etwa Zahnkünstlerin in dein Sinne, in dem wir das Wort im täglichen Leben brauchen. Als ich noch vor den Kulissen saß, hatte ich gesehen, wie das Weib mit den Zahnen ein schweres Seil hielt, an dem ein ausgewachsener Mann seine Übungen vollführte. Wunderbare Krasteffekte hatte sie zuwege gebracht. Nicht ohne Neugier betrachtete ich nun ihr Gesicht; herb und entschlossen schien es. Nur ein ausgesprochener Willensmensch kann so aussehen. Dieses Weib zog einen an, ohne dasz es eigentlich etwas Sympathisches an sich gehabt hätte. Im Gegenteil, die Brutalität lagerte um diese Lippen, und von harter Menschenverachtung sprachen diese Augen. Gewiß war sie die einsamste, ungeselligste von all den Menschen, die mich hier umschwirrten.

Das lustige Ehepaar draußen auf der Bühne erntete reichen Beifall, vor den Kulissen und — hinter den Kulissen. Alles bemühte sich um sie, die Liedersängerin ausgenommen, die gleich vor die Rampe treten sollte. Sie wippte graziös auf und nieder und intonierte leise und vorsichtig ihre erste Nummer. „Nicht etwa aus Angst," wie sie mir nachher versicherte, „nur um die Stimme frei und geschmeidig zu haben." Die anderen rüsteten zum Teil schon zum Ausbruch; Kisten und Kasten wurden gepackt, und der ganze bunte Flittertand, der in wüster Unordnung überall herumlagt zusammengeschnürt.

Der Freund der Soubrette, der bisher ziemlich teilnahmlos auf einer Stiege gehockt hatte, pochte schon ungeduldig an die Tür der Damengarderobe. „Meine Frau!" flötete er, mit einer Betonung, so affektiert und eigenwillig, daß selbst dem Blindesten die Augen darüber
        
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