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Das Vorstadtvariété Hinter den Kulissen

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

28 Großstadt-Dokuin. Bd. 22. Variete u. Tingeltangel in Berlin.

spreche, weil sie gleich in Aktion treten soll. Die erste Schwierigkeit war, sie auch als Frau zu erkennen. Sie trug Kniehosen, hübsche Schnallenschuhe und einen sehr eleganten Frack, Vorhemd, weiße Binde und Zylinder. Die Tracht war vorzüglich echt. Niemand würde aus ein Weib geschlossen haben, hätte nicht die Figur so durchaus zart und fraulich angemutet; und dazu noch die helle, fast piepsende Stimme! Lautlos huschte sie durch die Räume; von der Garderobe zum Publikum hinunter, wo sie Karten und Couplets absetzte, dann wieder zu uns heraus. Nun stand sie zum Auftreten bereit, und neben ihr, der leichtfüßigen, graziösen Erscheinung, ihr ohnehin schon beleibter und nun durch die zwölf Westen, etliche Kissen und andere Requisiten zu groteskester Korpulenz gediehener Gatte. Ein plumper tapsiger Brummbär neben dem kleinen schäkernden Elf.

Ich guckte den Vorführungen des ungleichen Pärchens von hinten eifrig zu. Der Dicke sollte Tanzstunde bekommen. And wie stellte er sich an! Daß Gott erbarm! Ein Erdbeben drohte herauszuziehen! Und dann schwitzte er, die Westen flogen nur so. Der graziöse Lehrer war unermüdlich, der behäbige Schüler unbelehrbar. Alles sehr nett, lustig und dezent.

Der Komiker war die eigentliche Seele des Abends, wohl auch offiziell der Leiter der Veranstaltung. So verfolgte das ganze Personal die Nummer mit gespanntem Interesse. Auch die Liedersängerin, die sich bisher verborgen gehalten hatte, hatte sich aus den Tiefen der Damengarderobe herausgewagt und stand nun lauschend in ihrem slitterglänzenden Gewand, das in puncto Aus-schnitt den verwöhntesten Ansprüchen königlicher Hof-theaterlogenschließer Genüge leisten konnte. Sie zeigte den sehnsüchtigen, melancholischen Zug um die Augen, der für Varietokünstlerinnen, die einst bessere Tage gesehen,
        
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