Path:
Das Familienvariété

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

20 Grotzstadt-Dokuni. Bd. 22. Variete u. Tingeltangel in Berlin.

Haar gewunden. Etwas Königliches liegt in ihren Zügen und der Eindruck verstärkt sich noch, wenn sie zu singen anhebt. Sie hat eine Primadcmnenstimme, müßte, wenn dieses ungeheuere Material einigermaßen ausgebildet, künstlerischen Zwecken dienstbar gemacht würde, gar keine üble Wagnersängerin abgeben. Aber was würde zu solchem Debüt unser Publikum wohl sagen? Das ganze Elend der schwarzen Rasse steht einem mit einem Schlage vor Augen. Dieser furchtbare Fluch des Gebunden-seins, des Getretenseins. In London gibt es ein schönes Theater, in dem eine Truppe Schwarzer allabendlich eine lustige	Tanzposse	zur Ausführung	bringt.	Wir sind

noch nicht	so weit,	werden wohl	auch nicht bald

dahin kommen. Nur das Variete steht der schwarzen Künstlerin bei uns offen. Als Kuriosität darf sie passieren — aber auch nur als Kuriosität.

Was die Negerin singt, ist schwer zu bestimmen. Im großen ganzen durchaus ernsthafte Musik, heroisch prunkende Dinge, in denen ihre Stimme brillieren kann, nmtvoll und stürmisch, aber doch stets mit einer leiser: Hinneigung zu schwerblütiger Sentimentalität und Melancholie. Für das Publikum ist die Nummer zu schwer und zu ernsthaft. Nur einige Enthusiasten und Sachkenner wagen sich mit stärkerem Beifall hervor.

Jetzt aber folgt wieder Schlager auf Schlager. Ein nettes Duett, das an die Zeiten des Llberbrettls gemahnt, macht den Ansang. Der Herr ist ganz in Hellblau gekleidet, so	ein lichtes Hinnnelblan, wie es	uns hier

im Norden	etwa der	Vorfrühling zu	bringen	liebt; im

Schnitt natürlich Biedermeierzeit. Die Dame eingehüllt in ein rauschendes Meer zartgelber Spitzenröckchen. Beides leidlich hübsche, ansprechende Menschen. Die Frau macht ihren: Mann und dein Publikum klar, daß jetzt die Zeit ihrer Alleinherrschaft begonnen habe. „Willst
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.