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Das Volksvariété

Full text: Variété und Tingeltangel in Berlin / Buchner, Eberhard

6 Grotzstadt-Dokum. Bd. 22. Variete u. Tingeltangel in Berlin.

Gespräch mit mir begonnen. Sein Schatz versteht uns nicht und wirst zögernd und verschämt eine Frage dazwischen. „Aber du brauchst doch nicht alles zu wissen. So ein Naseweis!" und er strahlt über das ganze Gesicht und tätschelt ihr liebkosend die Wange.

An den Wänden finde ich in großen Lettern einen guten alten Spruch: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein lebelang." Die Ver-ehmng für die zwei letzten dieser Glücksgüter mag bei den Besuchern wahr und wahrhaftig vorhanden sein. Vom Wein aber wissen sie gewiß so gut wie nichts. Ich möchte noch nicht einmal darauf schwören, daß der Wirt, in dessen Lokal dieser Spruch zu lesen steht, überhaupt einen Weinkeller besitzt.

Endlich: es klingelt. Das Zeichen zum Beginn. Die Liedersängerin tritt aus. Welche Freude! Ich höre liebe, bekannte Töne; Loewe: „Die Trepp' hinunter gesprungen —Die Koleratur der Sängerin ist ja keineswegs meisterhaft entwickelt, ihre Auffassung nicht künstlerisch abgerundet und vertieft, aber doch — welche Freude, Loewe hier zu begegnen! Wird er Erfolg haben bei dieser Zuhörerschaft? Ich warte gespannt. Nach dem dritten Vers bricht ein donnernder Applaus los. Loewe hat einen Sieg auf der ganzen Linie zu verzeichnen. Einen schöneren Beweis für die Volkstümlichkeit dieser Musik könnte ich mir kaum denken.

Klarer als je steht mir in diesem Augenblick die soziale Bedeutung des Volksvaristes vor Augen. Gewiß, Loewe kann man viel besser im Konzert als im Variete kennen lernen. Aber das Konzert ist eben nicht auf die Bedürfnisse des kleinen Mannes zugeschnitten. Er fühlt sich dort nicht zu Hause. Die Kunst wird ihm da in einer Form geboten, die ihm von vornherein fremd und widersinnig ist. So steif und zeremoniell naht sie sich
        
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