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Anarchisten-Prozesse

Full text: Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung / Weidner, Albert

Anarchisten-Prozess e. 
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bu> er in einer früheren Rede getan hatte, unter Anklage 
gestellt wurde, und auch hierfür weitere neun Monate Gefäng¬ 
nis erhielt. Unsere Polizei macht doch im allgemeinen mit 
unliebsamen Ausländern nicht viel Umstände. Es ist mir un- 
jlich, warum man den Dr. (5. nicht sofort nach seiner 
-l e n Rede verhaftete oder auswies und so an weiteren 
’ ren irrt Lande verhinderte, anstatt ihn erst, ohne ihm 
nur Mitteilung zu machen, daß man an seiner ersten 
Rede Anstoß genonnnen habe, längere Zeit sich hier noch auf¬ 
halten zu lassen, bis er wiederum mit dem Gesetz in Konflikt 
gekommen war. Bei der Verhandlung gegen Dr. G. er¬ 
eignete sich auch jenes denkwürdige Ereignis, daß der jetzige 
Erste Staatsanwalt Dr. Benedix, welcher zunächst etwa zwei 
Jahre Gefängnis beantragt hatte, auf die Verteidigungsrede 
des Dr. G. hin, welcher ausführte, daß eine längere Ge¬ 
fängnisstrafe gegen ihn gar keinen Sinn habe, da die Ge¬ 
fängnisbeamten ungebildet und nicht in der Lage seien, ihn 
zu bessern, aufsprang, und nunmehr wegen dieser Rede eine 
Gefängnisstrafe von acht Zähren verlangen zu müssen sich 
verpflichtet hielt." 
Bei dieser Handhabung der staatlichen Machtmittel gegen 
die um ihres Namens willen so gefürchtete — dabei durchaus 
mißverstandene Bewegung kam es zu einigen geradezu tragi¬ 
komischen Fällen, die sich im 3ahre ereigneten. 
So wnrde in einem Lalle ein jugendlicher Arbeiter um 
einer Notlüge willen, die nicht einmal nötig war und nur in 
der Unreife des Betreffenden ihren Ursprung hatte, zu mehreren 
Wochen Gefängnis verurteilt. Gelegentlich einer Haus¬ 
suchung bei einem Genossen, in dessen Wohnung er sich gerade 
besuchsweise aufhielt, mußte sich der junge Mann einer Visi¬ 
tation unterziehen, die u. a. eine Sammelliste für die Familien 
inhaftierter Anarchisten zutage förderte, auf der irgendwelche
        
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