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Die Arbeitslosenversammlung

Full text: Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung / Weidner, Albert

Die Arbeitslosenversammlung 
Anfangs der neunziger Jahre legte sich eine schwere 
Depression über das wirtschaftliche Cebert Deutschlands. Be¬ 
sonders die arbeitenden Schichten des Volkes litten darunter 
außerordentlich, und die Zahl der Arbeitslosen wuchs zusehends, 
um schließlich andauernd in einer Höhe zu bleiben, wie kaum 
je zuvor. 
Die Sozialdemokratie ergriff die Gelegenheit zur (Ein« 
berufung von Arbeitslosenversammlungen, die sich eines zahl¬ 
reichen Besuchs erfreuten und in denen Zllänner wie Liebknecht 
die sozialdemokratischen Ziele als einzige Erlösung von dem 
Drucke und von der ewigen Existenzgefahr darlegten, unter 
denen das moderne Proletariat leide. Daneben wurde gewöhn¬ 
lich in Resolutionen an Staat und Kommune die Forderung 
geeigneter Maßnahmen zur augenblicklichen Steuerung und 
Verminderung des großstädtischen Arbeitslosenelends gestellt. 
Schon war es im Anschluß an derartige Arbeitslosenver¬ 
sammlungen zu aufsehenerregenden Demonstrationen auf offener 
Straße gekommen. Die Arbeitslosen hatten sich, wie es der 
Zufall gab, zu geschlossenen Zügen formiert. Aus den Vor¬ 
städten, wo diese Versammlungen gewöhnlich stattfanden, be¬ 
wegten sie sich nach dem Stadtinnern, dem Rathaus und dem 
königlichen Schloß zu, mit jenem Instinkt, der jede revol¬ 
tierende Volksmenge zu dem Sitz der obersten Gewalten hin« 
streben heißt. 
Da erwachte im Januar bei einer Anzahl Berliner 
Anarchisten die )dee einer großen Arbeitslosenversammlung, 
von einer Art, wie sie Berlin noch nicht gesehen.
        
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