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In der Dynamitkiste

Full text: Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung / Weidner, Albert

\2 Großstadt-Dokumente Bd. 9. Berliner Arbeiterbewegung. 
Kropotfirts sowie Johann Mofts vertreten, und die Lektüre der 
von dem letzteren verfaßten „Revolutionären Kriegskunst" galt 
als besonderer literarischer Leckerbissen. 
Gewöhnlich nahm dann einer das Wort, um etwas vor¬ 
zulesen. Meist um eine Diskussion anzuregen, die dann auch 
nie ausblieb. In gemessener Sprache suchte hie und da ein 
alter Arbeiter seine Sondermeinung geltend zu machen, in 
Sätzen, deren Sinn nur seine guten Freunde zu verstehen, oder 
besser: zu erraten vermochten. Ich habe nie ohne Rührung das 
unbeholfene Hin- und Hersuchen eines weder rhetorisch noch 
gedanklich geschulten Arbeiters hören können, der sich ver- 
aeblich mit der Entwirrung verknäuelter Gedankenzusammen¬ 
hänge abmüht, die sein Hirn beschäftigen. 
Ls wird unter den Arbeitern, die gleicher politischer Mei¬ 
nungen sicher sind, damit nicht so genau genommen. Der gute 
Wille gilt mehr als das unzutreffende Wort. Und unter sozial¬ 
demokratischen wie unter anarchistischen Arbeitern verschlägt 
es gleich wenig, wenn einer von ihnen dasjenige dieser beiden 
Worte, das seine Anschauung bezeichnet, nicht richtig auszu- 
sprechen vermag. — 
Die gesuchteste Lektüre und der beliebteste Unterhaltungs¬ 
stoff aber waren die Berichte über das standhafte Martyrium ge¬ 
richtlich abgeurteilter Gesinnungsgenossen. So verurteilte der 
Illinoisstaatsgerichtshof in Chicago im gerbst \887 infolge 
eines Bombenwurfs, der aus einer Arbeiterversammlung in 
einen Truxx Privatpolizisten, sog. prinkertonianer, geschah, 
fünf anarchistische Arbeiterführer zum Tode. Der eigentliche 
Täter ist nie entdeckt worden. Der Gerichtshof selbst schrieb 
den Angeklagten die Tat nicht zu, wohl aber die moralische 
Verantwortlichkeit; vier der Verurteilten starben am Galgen, 
einer tötete sich selbst am Tage vor der Einrichtung. Die Ver¬ 
teidigungsreden dieser Männer, ihre Aussprüche auf dem
        
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