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Preface

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großstadt-Dokumente Vd. 3.

Teil selbst wahrgenommen, zum kleinen Teil von zuverlässigen Gewährsmännern erfahren habe, denen an dieser Stelle jüc das mir erwiesene Vertrauen zu danken, ich als angenehme Pflicht empfinde.

Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten Welt eine neue PMt auftun, deren Ausdehnung und deren Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden.

Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst „Propaganda" gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung der Homosexuellen angestrebt werden muß, so wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie — um nur von vielen einen zu nennen — vor allem im Glücke der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der Triebrichtuug möglich wäre. er gewiß für die Homosexuellen, nicht aber für die Normalsexuellen in Veracht kommen würde.

Tatsächlich hat aber die wissenschaftliche Beobachtung in Uebereinstimmung mit der Selbstersahrnng sehr zahlreicher Personen gelehrt, daß ein derartiger Umschwung nicht möglich ist, da nichts dem Charakter und Wesen eines Menschen so adäquat und fest angepaßt ist, wie die nach Ergänzung der eigenen Individualität zielende Richtung des Liebes- und Geschlechtstriebes.

Ob und inwieweit die Handlungen der Homosexuellen unter deit Begriff von Schuld und Verbrechen fallen, ob und inwieweit ihre Strafverfolgung zweckmäßig oder notwendig erscheint, inwieweit diese überhaupt möglich ist — diesen Schluß möge am Ende meines Berichtes der Leser seinerseits ziehen.

Charlottenburg, den 1. Dezember 1904.

Dr. Magnus Hirschfeld.
        
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