Path:
Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht.

75

Und eine Mutter schreibt:

Hochgeehrter Herr!

In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter durch den § 175 des St.'G.-B. unglücklich gewordenen Menschen helfest zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen an Sie zn richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe stehender Verwandter^) gehört zu diesen Unglücklichen. Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch feilten rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger, insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug, einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende geopfert, und feine Gesundheit durch die fortwährende Angst und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles aufgeben, feine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an fein Sterbelager eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven unglücklichen Kinde, und ist ost der Verzweiflung nahe. Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in irgend einer Weise Rat erteilen könnten."

*) Anmerk. Wie die Dame in einem zweiten Schreiben mitteilt, ist dieser nahe Verwandte ihr Sohn. Von seinen Erpressern erhielt der Vater als Hauptanstifter 2 Jahre 9 Monate, dessen zwanzigjähriger Sohn, der „Freund" des Gezüchteten, 1 Jahr 9 Monate Gefängnis.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.