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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großstadt-Dokumente Bd. 3.

Ein alter, homosexueller Herr hatte einen Mann. dessen Bild sich im Berliner Verbrecheralbum befand, wegen Diebstahls angezeigt. Der wiederholt vorbestrafte Dieb machte eine Gegenanzeige, er sei von seinem Ankläger im Schlaf vergewaltigt worden. Unglaublicherweise schenkte das Gericht dieser Angabe Glauben, ver-> eidigte diesen Zeugen und verurteilte den Homosexuellen, der bereits zweimal aus § 175 vorbestraft war, zu einem Jahr Gefängnis, Ich war als Sachverständiger geladen und werde es nie vergessen, wie der alte Mann — ein Hüne von Gestalt — bei dem ihm völlig unerwarteten Urteilsspruch in sich zusammensank, dann sich aufbäumte und mit entsetzlichem, gellendem Aufschrei seinen Richtern das eine Wort: „Justizmörder" eutgegenschleuderte.

Gewiß sind dies Ausnahmefälle, gewiß haben es die Homosexuellen, wie mir einmal ein hoher Staatsbeamter entgegenhielt und wie es ja auch aus meinen Schilderungen hervorgeht, in Berlin „bereits ganz gut". Darin liegt ja aber ein Beweis mehr für die Unhalt-barkeit eines Gesetzes, das, wie sich kürzlich ein Urning ausdrückte, „nicht die Tat, sondern das Pech" bestraft. Ich wies bereits darauf hin, daß, wenn man den überaus diskreten Charakter der in Frage kommenden Handlungen berücksichtigt und in Betracht zieht, daß die beiden Täter, ohne die Rechte Dritter anzutasten, die Tat unter sich und an sich vornehmen, nur ganz ungewöhn-liche Nebenumstände in verschwindend seltenen Ausnahmefällen ein Bekanntwerden ermöglichen können.

Und trotzdem — würden die Kriminalbehörden — auf der von Meerscheidt-Hüllessem eingerichteten „Berliner Päderastenliste" stehen mehrere tausend Namen — gegen die Homosexuellen so vorgehen, wie sie gegen wirkliche Verbrecher vorgehen, es würde sich in sehr kurzer Zeit die völlige Undnrchführbarkeit der bestehenden Strafbe-
        
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